Gelegenheiten. Passagen des Unbestimmten // von Maren Lehmann

Willst du dich als Dichter beweisen,
So mußt du nicht Helden noch Hirten preisen.
Hier ist Rhodus! Tanze, du Wicht,
Und der Gelegenheit schaff ein Gedicht!
— Goethe, Zahme Xenien

Occasio, die Gelegenheit, ist die Göttin der Unbeständigkeit, der Flüchtigkeit und der Schärfe. Zedlers Lexikon führt ca. 1750 an, dass Occasio immer auf den Zehenspitzen oder auf nur einem Fuß stehend gezeigt wird, weil sie »unbeständig« ist; immer mit Flügeln an den Füßen, weil sie »geschwind« ist; immer mit einem Schermesser, weil sie »durchdringend« ist; immer mit vollem Stirnhaar, weil man sie »bei ihrer Ankunft ergreifen muss«; immer mit rasiertem Nacken, weil sie »nicht wieder zu fassen [ist], wenn sie einmal vorbei«. Verwandt ist sie Kairos, dem Moment der Entscheidung. Und begleitet wird sie von der Reue, der Göttin im Plural, die neben ihr unsichtbar ist, aber überall dort zurückbleibt, wo Occasio verflogen ist.

Krünitz' Enzyklopädie lässt wenig später diese sinnlichen Verkörperungen bereits komplett weg. Der Eintrag weist darauf hin, dass Gelegenheiten schlicht Lagen sind, die sich den individuellen Vorlieben gut fügen und deswegen als bequeme Arrangements verstanden werden können. Solche Arrangements lassen sich treffen; dann geht es um »diejenige Verbindung der Umstände, wodurch eine Handlung sowohl veranlasst, als auch erleichtert wird«. Leider ist, was sich dem einen fügt, auch für andere interessant. Deswegen muss, wer sich etwas gelegen macht oder etwas gelegen findet, immer schnell sein – die Gelegenheit ist eine Konkurrenzsituation, eine Begegnung mit Leuten, die man nur loswerden kann, indem man sich entscheidet indem man Occasio beim Schopfe packt. Das muss so schnell gehen, dass aus der Begegnung nie eine Bekanntschaft wird, und so schnell, dass nicht erst gezögert und orakelt werden kann, worum es der Sache nach geht. Es geht um nichts als die bare Chance. Gelegenheiten desintegrieren elementar.

Grimms Wörterbuch zitiert schließlich einfach die Weimarer Heroen. Schiller lässt seinen Tell in einem Hohlweg hinter dem Holunder lauern - da kann nichts mehr schief gehen, »es führt kein andrer Weg nach Küsnacht / hier vollend ichs / die Gelegenheit ist günstig«. Wer Alternativlosigkeit behauptet, lamentiert demnach nicht über Zwangslagen, sondern koaliert mit Occasio. Gegenüber dieser scharfen Partisanenpraxis werden aber immer noch lieber zivile Arrangements getroffen; bei der Gelegenheit handelt es sich – sagt das Wörterbuch – meistens um eine Höflichkeitsfloskel für Interessen »pro secesso«. Goethe meint: Wenn das klappt, kommt es aber darauf an, nicht zu kneifen; bei Gelegenheit zeigt sich das Talent nicht nur, sondern die Gelegenheit »determiniert das Talent« auch. Man muss das plötzlich Mögliche eben auch ad hoc ermöglichen können. Goethe zu Schiller, leger und kupplerisch zugleich: »Tanze, du Wicht«, mit Occasio, anstatt ihr aufzulauern!

Die Gelegenheit wird im 18. Jahrhundert als ein Syndrom von Unbeständigkeit, Flüchtigkeit und Schärfe erfunden, das nach Möglichkeit durch Beweglichkeit, Gelassenheit und Witz kuriert werden kann. Ihr Medium ist die Zeit, die sie selbst – occasion – auf den Punkt bringt. Mehr leistet sie nicht; vielmehr fordert sie zu einer Leistung nur auf – einer Leistung, die in nichts anderem besteht als der Entscheidung. Das Medium der Entscheidung aber sind Sozialbeziehungen, die sie selbst – decision – so zuspitzt, dass sie vernetzbar werden.

Entscheidungen sind, könnte man mit einem Ausdruck Niklas Luhmanns sagen, kommunikative »Gelegenheitsleistungen«, weil sie soziale Beziehungen »zeitlicher Konditionierung zugänglich« machen. [1] Das kann auch heißen, das soziale Beziehungen durch die Entscheidung zu einer Gelegenheit werden, die unverzüglich verstreicht und verloren ist, wenn sie nicht auf der Stelle ergriffen wird. Gelegenheiten treten also auf als Passagen des Unbestimmten, die durch Entscheidungen bestimmt und dadurch ihrer Fatalität enthoben werden. Diese Entscheidungen sind Wetten auf Zukunftschancen, die sich – weil sie das Zögern und das Grübeln diskreditieren – zu sogartigen Zeitströmen verknüpfen. Solche Ströme unterspülen jede soziale Architektur und zerreißen jedes soziale Beziehungsgeflecht und bilden doch zugleich die elementaren Bausteine dieser Architekturen und Geflechte. Jede Gelegenheit ist selbst eine solche Zukunftschance, ein Moment unbedingter Entscheidung, und jedes Ereignis ist eine Gelegenheit in diesem Sinne eines entscheidenden Moments. Dieses Ereignis hat keinerlei Tiefe; die Entscheidung bringt deshalb auch nichts Verborgenes zum Vorschein, sondern ist selbst nichts als das, was passiert. »Die Operation«, um die es hier geht, »kann nur stattfinden oder nicht stattfinden. Gegenwart ist also keine Zeitstrecke ..., sondern Gegenwart ist eine Grenze ... Also kann es sich auch nicht um eine Gelegenheit für Anwesendes handeln zu erscheinen, sondern nur um eine Gelegenheit, den Unterschied von Vergangenem und Zukünftigem zu beobachten«. [2]

Es gibt eine nicht mehr überschaubare Fülle von Beschreibungen dieser Lage. Nicht nur, dass sich »Gelegenheits-« als Kompositum unzähliger Wortschöpfungen eignet, z.B. Gelegenheitslyrik (Stierle), Gelegenheitserwerb, Gelegenheitslaien, Gelegenheitsvergesellschaftung (alle Weber), Gelegenheitsursachen (Simmel) oder Gelegenheitsvernunft (Bude). Es finden sich auch so namhafte theoretische Problematisierungen, dass man annehmen kann, es mit einem historischen, soziologischen und ökonomischen Grundbegriff zu tun zu haben. Die moderne Sozialstruktur ist, wie z.B. schon Georg Simmel festzuhalten versuchte, ein immer unter Zugzwang stehendes Gewebe aus Kreuzungspunkten von Zeitströmen. [3]

In James G. Marchs glücklicher Formulierung: Jede Ordnung ist ein Strudel aus ›flight opportunities‹, ›resolution opportunities‹ und ›oversight opportunities‹, den man überlebt, wenn man – da man sich am Ereignis nie festhalten kann – zu entscheiden versteht. {4] »Man will«, stellt Theodor W. Adorno fest, »möglichst viele Punkte machen: keine Unterhaltung, in die nicht wie ein Giftstoff die Gelegenheit zur Wette sich eindrängte« [5]. Reinhart Koselleck hat gezeigt, dass die moderne Welt (das ist die Welt nach der Französischen Revolution) immer dann von einer Krise spricht, wenn etwas auffallend lange dauert; man hat dann den Eindruck, dass eine Entscheidung fallen müsste, wahrscheinlich auch längst gefallen ist – dass man also eine Gelegenheit verpasst hat. [6] Georg Stanitzek hat daran erinnert, dass diese Entscheidungsfähigkeit in geselliger Privatheit trainiert worden war, in der stilles Herumstehen oder stotternde Schüchternheit als »blöde Reflektiertheit« erschienen wäre. [7]

Entsprechend werden Intelligenz und Witz (esprit) interessanter als Nachdenklichkeit und skeptische Gebärde, und das verschärft sich im Laufe der Zeit, wie der Ausdruck ›Risikofreude‹ als Beschreibung unternehmerischen Handelns zeigt. Risikoaversion als deren Gegenteil erscheint als etwas irgendwie Unsportliches, Behäbiges, Asoziales; den Bedenkenträger kennen die Wörterbücher des 18. und des  des 19. Jahrhunderts noch nicht, während er heute in den Duden eingegangen ist. Regelmäßig seien gerade die deutschen Philister dermaßen unentschlossen, schreibt Karl Marx in gebotenem Zorn, dass "die Gelegenheit einer großen Rolle immer vorüber ist, bevor sie vorhanden war".[8] Dieses Ziehenlassen aller großen Rollen haben, wie Dirk Baecker aufgefallen ist, die Bürger des Realsozialismus zu ihrer spezifischen Tugend gemacht.[9] Wenn man die Revolution verpasst hat, beruhigt sich Niklas Luhmann, kann man eben immer noch wissen, dass "Evolution die Fähigkeit zum Warten auf Gelegenheiten voraus[setzt]".[10]

"Tanze, du Wicht!" - denn "es sind die einmaligen Gelegenheiten, denen wir nicht widerstehen können, bei allen anderen wären wir vorsichtig". [11]


[1] Luhmann: Identitätsgebrauch in selbstsubstitutiven Ordnungen, besonders Gesellschaften, in: Marquard/Stierle, Identität, 1996: 319.
[2] Luhmann: Die Paradoxie der Form, in: Baecker, Kalkül der Form, 1993: 199.[3] Simmel: Soziologie, 1908/1992: 456ff.
[4] Cohen/March/Olsen: A Garbage Can Model of Organizational Choice, 1972.[5] Adorno: Minima Moralia Nr. 90, 1951: 180.
[6] Koselleck: Kritik und Krise, 1959.
[7] Stanitzek: Blödigkeit, 1989: 57.
[8] Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, 1843/44, in: MEW 1: 389. [9] Baecker: Die Leute, in: Baecker/Hüser/Stanitzek, Gelegenheit. Diebe. 3x Deutsche Motive, 1990.
[10] Luhmann: Organisation und Entscheidung, 2000: 353.
[11] Baecker: Trügerisches Vertrauen. Über die Finanzkrise und die Frage, wie aus Unglaubwürdigkeit Unwiderstehlichkeit wird, hier: http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/uebersicht/truegerisches-vertrauen-1.1108410


Dieser Beitrag erschien zuerst in REVUE. Magazine for the Next Society. Heft 17 Sommer 2015.


Über Maren Lehmann

Geb. 1966 in Sachsen. Studium des Designs an der Hochschule für Kunst und Design Halle (BURG GIEBICHENSTEIN), dann der Erziehungswissenschaften und der Soziologie an den Universitäten Halle/Wittenberg und Bielefeld. Diplom in Erziehungswissenschaft, Promotion und Habilitation in Soziologie. Seit April 2012 Inhaberin des Lehrstuhls für Soziologie mit dem Schwerpunkt Organisationstheorie im Department Communication & Cultural Management, seit März 2014 des Lehrstuhls für Soziologische Theorie im Fachbereich Kulturwissenschaften der Zeppelin Universität. 

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