Ungelegenheiten // von Athanasios Karafillidis (Teil 1)

1. Gelegenheiten kommen meist ungelegen.

Wie oft muss man sich sagen lassen, oder zu sich selbst sagen, dass irgendein Ereignis, das einem aus zeitlichen, thematischen oder persönlichen Gründen gar nicht passt, eigentlich eine gute Gelegenheit (für irgendetwas anderes) sein kann. 

Ich habe den Verdacht, dass dies nicht nur ein Sonderfall ist, sondern allgemein gilt. Gelegenheiten haben mit anderen Worten generell nur dann die Chance erkannt zu werden, wenn sie als Ungelegenheiten die Bühne betreten. Das fällt hingegen kaum auf, weil wir äußerst schnell darin sind, Ungelegenheiten positiv umzuwidmen, so dass sie als Gelegenheiten erscheinen können.

Nicht alles, was ungelegen kommt, wird zu einer Gelegenheit. Aber nur wenn etwas ungelegen kommt, kann es dazu werden, weil es andernfalls nicht die nötige Aufmerksamkeit generieren könnte, die dafür notwendig ist. Dieser Ausgangspunkt passt freilich nicht zu dem, was wir scheinbar erleben, wenn Gelegenheiten anfallen.

Er passt auch nicht gut zu der Art, wie das Wort ‚Gelegenheit’ verwendet wird. Dennoch reicht es nicht aus, sich auf subjektives Erleben und Sprachverwendung zu verlassen. Das war soziologisch noch nie ratsam. Sonst wären unter anderem die vielfältigen Formen von Erwartungen unentdeckt geblieben, die uns meist unmerklich begleiten.

Auch die unzähligen kleinen Enttäuschungen von Erwartungen werden nur selten bemerkt, geschweige denn thematisiert. Es ist diese Art von Subtilität, die auch für Ungelegenheiten charakteristisch ist.

2. Sich den Möglichkeiten, die sich aus den Ungelegenheiten ergeben, zuwenden.

Eine mögliche Motivation für diese häufig zu beobachtende Umwidmung des Ungelegenen in Gelegenheiten besteht darin, dass es goutiert wird, wenn sich Beteiligte, anstatt sich blockieren zu lassen, den weiteren Möglichkeiten zuwenden, die durch Unterbrechungen erzeugt werden.

Es mag sein, dass einige auf Gelegenheiten warten und diesen bekannten Riecher für den richtigen Moment haben. Dann warten sie aber nur auf die Ungelegenheiten der anderen, die sie entsprechend ausbeuten können. Ob am Ende insgesamt eine Gelegenheit ergriffen oder vielmehr eine Verlegenheit vertuscht wurde, lässt sich immer erst feststellen, wenn der kontingent markierte Moment vorbei ist. Ärgerlich ist nur, dass an dieser Feststellung immer auch andere beteiligt sind und deshalb die Kontrolle von Gelegenheiten niemals in einer Hand liegt.

3. Die Ungelegenheit ist nur für Momente in eine Gelegenheit transformierbar.

Verpasste Gelegenheiten sind also genauer verpasste Transformationsgelegenheiten. Verpasst werden Möglichkeiten der raschen Umwertung ungelegener Sätze, Begegnungen, Körperhaltungen, Gebäude, Zurufe, Liebesbekundungen, Vorwürfe, Entscheidungen, Marktkonstellationen oder Wetterlagen. Der entscheidende Moment liegt folglich unmittelbar bevor die Situation repariert wird. 

Wenn die Reparatur der Ungelegenheit begonnen hat – und so schnell kann man nicht gucken, wie sie abgeschlossen ist –, ist es zu spät. Und die Gelegenheit, die eigentlich nur eine ungelegene Störung gewesen ist, gilt als verpasst.

4. Die Gelegenheit für Ungelegenheiten nutzen.

In Gesprächen und Besprechungen nutzen einige Beteiligte allzu schnell jede Gelegenheit (genauer: machen alles mögliche zur Gelegenheit), ohne mögliche Reparaturen des Ensembles abzuwarten. Es fällt dann unangenehm auf, wenn zum Beispiel jede Gelegenheit für einen Scherz oder für ein Kompetenzdemonstrationsreferat genutzt wird.

In diesen Fällen wird ausschließlich auf die Gelegenheit Rücksicht genommen und nicht auf die beteiligten Personen oder das Eigenrecht der Situation. Das geht mitunter auf Kosten des Takts. Solche Scherze/Referate kommen natürlich wiederum ungelegen und können daher mit anderen Ungelegenheiten (für andere) gekontert werden.

Evolutionär bewährte Strukturen der Eindämmung von Erwiderungen, die in Interaktionen zu Ungelegenheitskaskaden führen können, sind Autorität und Hierarchie. Diese Form der Eindämmung oder sogar Vermeidung von Ungelegenheiten kann in Organisationen aber wiederum für Karriere-Gelegenheiten sorgen.

5. Über die Empfänglichkeit für Ungelegenes.

Ist gerade im professionellen Leben erst einmal eine Struktur der Gelegenheitserzeugung etabliert, so besteht eine ihrer wesentlichen Funktionen darin, regelmäßig zu signalisieren, dass rasch mit (nicht: auf) Gelegenheiten reagiert wird – also eine Empfänglichkeit für Ungelegenes besteht.

Dann wird es schwer nicht auf Angebote einzugehen, ohne Enttäuschungen der Störungsanbieter zu riskieren. Also werden für gewöhnlich weiterhin Gelegenheiten produziert, die es zu nutzen gilt. Auf diese Weise verfestigt sich eine langfristige Trajektorie, eine Pfadabhängigkeit, aber natürlich auch eine bestimmte Kompetenz.

Die Erzeugung von Gelegenheiten (aus Ungelegenheiten, aber das muss ich jetzt nicht immer dazu sagen) ist der sozio-kulturelle Mechanismus, auf dem Pfadabhängigkeiten und Abweichungsverstärkungen beruhen. Deshalb ist es eben doch eine hohe Kunst, Gelegenheiten zu suchen, zu finden und zu bedienen. Es macht uns überhaupt erst zu Akteuren, das heißt es erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass andere jemand/ etwas als Urheber von voluntaristischen Handlungen beobachten.



Über Athanasios Karafillidis

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Athanasios Karafillidis studierte Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt Arbeit und Organisation in Wuppertal und wurde an der Universität Witten/Herdecke promoviert. Anschließend hat er an der RWTH Aachen Technik und Organisationssoziologie gelehrt und zu sozialen Grenzen und Organisationsdesign geforscht. Neben der kontinuierlichen Arbeit an einer soziologischen Formtheorie ist er insbesonderen an Netzwerken, Organisationen, Management, Identitätsbildung und Systemtheorie interessiert.

Seit Juni 2015 forscht er am Laboratorium für Fertigungstechnik (LaFT) an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg zu soziologischen Grundlagen und Anwendungen technischer Unterstützung und Mensch-Maschine-Hybriden.