Ungelegenheiten // von Athanasios Karafillidis (Teil 2)


6. Gelegenheiten und Prokrastination.

Kann man die Finger gar nicht von Gelegenheiten lassen, können sie zu einem Fall von Prokrastination werden. Wenn Beobachter jede Gelegenheit ergreifen, die sie kriegen können, dann ist das ein guter Indikator dafür, dass Vorhaben oder Aufgaben existieren, die in diesem Moment, ganz gleich aus welchem Grund, für sie ungelegen kommen.

Prokrastination passiert, wenn der Transformationsmechanismus heiß läuft und eine Ungelegenheit laufend in weitere Gelegenheiten umgewandelt wird, die alle beim Schopfe gepackt werden müssen – dass sie ergriffen werden müssen, haben Gelegenheiten so an sich. Das müssen nicht Aufgaben aus einer anderen Domäne sein, die gegen die ungelegene Aufgabe ausgespielt werden (zum Beispiel: Aufräumen statt Schreiben). Es kann auch sein, dass es „Wohnung aufräumen anstatt Keller aufräumen“ ist; oder dass etwas  zu diesem Thema geschrieben wird anstatt zu dem anderen.

Die Umwidmung von Ungelegenheiten in Gelegenheiten erfolgt meist entlang von etablierten und bekannten Aktionen, die als weniger riskant gelten und deshalb leichter fallen. Gelegenheiten zu ergreifen kann innovativ sein, aber es ist eben viel häufiger als angenommen eine äußerst konservative Angelegenheit. Es reproduziert gern das Bewährte.

7. Warum Gelegenheitserzeung nicht mit Opportunismus verwechselt werden sollte.

Gelegenheitserzeugung wird Opportunismus genannt, wenn Beobachter meinen, dass andere Beobachter Gelegenheiten der Situation anpassen und auf diese Weise gegen bestimmte Prinzipien oder Überzeugungen verstoßen, von denen man erwartet hatte, dass sie ihr Handeln leiten.

Dann wird das opportunistische Handeln als ein Handeln erlebt, das an einem Vorteilsgewinn orientiert ist, weil es sich nicht mit gewissen erwarteten Prinzipien deckt oder immer wieder mit anderen Prinzipien in Verbindung gebracht werden muss, um verstanden werden zu können.

Selten wird auch gesehen, dass ein solches Handeln nicht zwangsläufig an Vorteilen orientiert ist, sondern womöglich genauso an der Vermeidung von Konflikten. In diesem Fall werden die Gelegenheiten, mit denen auf Ungelegenes reagiert wird, durch Konsenserwartungen eingeschränkt – was natürlich auch von Vorteil sein kann, aber die Sichtbarkeit als Akteur beeinträchtigt: den Unterschied macht dann jemand anders, während Opportunisten nur mitlaufen. 

Die Situationen, in denen wir immer irgendwie stecken, in die wir geworfen sind, fordern bestimmte Verhaltensweisen und Handlungsformen heraus, die sich nicht immer konsistent mit unserer Person und den an ihr kondensierenden Verhaltenserwartungen in Deckung bringen lassen. Opportunistisches Handeln ist unvermeidlich. Diese Reibung erst ermöglicht überhaupt einen Aufbau von Identität.

Dennoch ist der Glaube weit verbreitet, dass moralische Integrität vornehmlich über starrköpfige Prinzipientreue zu erreichen sei, wenn doch zugleich auch die Anforderungen der Situation – das Situationspotenzial – Verhalten hervorrufen können, das nicht auf vergangene Prinzipien Rücksicht nehmen muss und dennoch angemessen und integer sein kann.

Niemand mag Opportunisten und das zu Recht. Kaum jemand würde sich ernsthaft (das heißt: jenseits irgendwelcher biographisch-ironischer Selbstdarstellungsrituale) freiwillig als solchen bezeichnen. Aber es bleibt ein Kampfbegriff. Opportunisten – das sind die anderen. Das muss stutzig machen und sollte unseren Sinn für subtile Differenzen schärfen. Die Verwendung des Begriffs ignoriert mögliche Lernfähigkeit und ist fixiert auf Gedächtnis und Vergangenheit.

Manchmal ist es unangenehm an seine Prinzipien erinnert zu werden, die man vor 20 Jahren noch selbstbewusst vertreten hat. In unserer digital vernetzen Gegenwart werden Opportunisten multipliziert, weil sie das Vergessen so leicht macht und mit ihm ein erratisch selektives Erinnern von vergangenen Aussagen und Handlungen außerordentlich erleichtert. So ist es heute mithin schon unangenehm, an unsere Aussagen von gestern erinnert zu werden.

8. Die Marktwirtschaft als bekanntestes Arrangement für die Erzeugung von Gelegenheiten aus Ungelegenheiten.

Sie ist die dominante gesellschaftliche Form der Identifikation und Ausbeutung von Gelegenheiten. Die Teilnahme am wirtschaftlichen Leben motiviert zwangsläufig dazu, sich auf derart generierte Gelegenheiten einzulassen und zu ihrer Erzeugung beizutragen. Das ist riskant.

Doch das Risiko wird durch Märkte verteilt und durch Unternehmen lokalisierbar. Diese beiden Substrukturen der Wirtschaft verdienen wiederum eine gesonderte Beachtung als Gelegenheitsproduzenten: Märkte als spezifische Formen der Beobachtung zweiter Ordnung, die vor allem eine Identifikation der Ungelegenheiten anderer erleichtern und Unternehmen als konzentrierte Ausbeutung dieser Ungelegenheiten anderer Marktteilnehmer – was vor allem beim modernen Arbeitragehandel ins Auge springt.

Banken sind ohnehin diejenigen Unternehmensformen, die mit dem Versprechen handeln, dass sie dazu in der Lage sind, auch wirklich jede Ungelegenheit in eine Zahlungsgelegenheit transformieren zu können.