Ungelegenheiten // von Athanasios Karafillidis (Teil 3)



9. Organisationen im Spiel der Unterscheidung zwischen Ungelegenheiten und Gelegenheiten.

 Sie sind allerdings eine gesellschaftliche Institution der Vermeidung von Ungelegenheiten durch Routinisierung und entsprechende Zuverlässigkeit wiederholter Produktion. Deswegen haben Unternehmen auch oft mit ihren Organisationen zu kämpfen.

Mithin werden Organisationen „bürokratisch“ genannt, wenn der Eindruck entsteht, dass dort ein Schwarzes Loch für Gelegenheiten entstanden ist. Aber das täuscht. Der Versuch einer Vermeidung von Ungelegenheiten hat zum einen massenhaft individuelle Karrieregelegenheiten erzeugt und zum anderen Management hervorgebracht. Management ist die organisationale, aber nur schlecht organisierbare Störquelle schlechthin – und zwar nicht nur in Unternehmen, sondern auch in Verwaltungen, Schulen oder NGOs. Nur trägt es nicht überall diesen Namen.

10. Kultur als notwendiges Korrektiv institutionalisierter Gelegenheitsstrukturen.

Kultur kommt als notwendiges Korrektiv institutionalisierter Gelegenheitsstrukturen ins Spiel. Sie markiert die Kontingenz ergriffener und verpasster Gelegenheiten, lässt uns erkennen, wie sehr die Gelegenheiten hier ganz andere sind als dort, obwohl es scheinbar um dasselbe geht und eröffnet Vergleiche, die bisweilen ungelegen kommen.

Auch sie hilft folglich bei der Produktion von Gelegenheiten, aber sie tut es durch die Beobachtung ausgeschlossener Möglichkeiten. Wenn also nichts mehr ungelegen zu kommen scheint, dann hilft immer noch: Kultur und kulturelle Differenz. Sie funktionieren in jeder Situation als Gelegenheitsjoker.

11. Gelegenheitsstrukturen in der modernen Gesellschaft.

Der vielfach beobachtete und diagnostizierte Eintritt in eine neue Medienepoche, die vermutlich mit der Elektrizität begonnen hat, sich aber nun mit der Vernetzung von Computern endgültig Bahn bricht, bringt uns eine Gesellschaft, in der die Differenz von Gelegenheit und Ungelegenheit förmlich unkenntlich wird. Die seit der Moderne bekannte, aber nun zusätzlich zur Schau gestellte Temporalität des Geschehens lässt kaum noch eine Gelegenheit übrig, weil es immer so erscheint, als habe sie schon längst jemand anders auf dem Markt ergriffen, in einem Start-Up gebündelt, als Karriere realisiert, organisatorisch eingedämmt und gemanagt oder kulturell vereinnahmt.

Auch dieser Eindruck geht nur auf eine überhastete, gleichsam kulturkritisch-pessimistische Beobachtung zurück. Eine soziologische Forschung, die sich diesen sozialen Gelegenheitsarrangements der Wirtschaft, des Markts, der Unternehmen, der Organisation und ihres Managements sowie der Kultur und der medialen Überforderung der Gesellschaft widmet, kann solche Einseitigkeiten vermeiden und kontrollierbar machen. Zumindest ist es eine Gelegenheit, bei der man sich Fragen kann, was alles zeitlich, sachlich und sozial ungelegen kommen muss, damit sie als Gelegenheiten erkennbar werden, um Gelegenheitsstrukturen zu untersuchen.

12. Zu guter Letzt: Die Unverzichtbarkeit der Theorie.

Für eine solche Form der Gelegenheitsforschung ist Theorie unverzichtbar. Eine Gelegenheit lässt sich nicht objektiv bestimmen. Sie ist nur die andere Seite einer Ungelegenheit. Sie zu erkennen ist eine perspektivische Angelegenheit. Beobachter variieren in ihrer Beobachtung von Gelegenheiten und sind ferner eingebettet in eine Ökologie, die nicht nur soziale Nachbarn kennt, sondern auch psychische und organische Nachbarn verschiedener Art.

Ungelegenheiten und Gelegenheiten sind vorübergehend, hängen von der Struktur des Beobachters ab und ergeben sich in unterschiedlichen ökologischen Nischen jeweils anders. Diese komplexen Bedingungen der Untersuchung von Gelegenheitsproblemen sind mit einer kausalistischen, individualistischen und objektivistischen Theorieanlage nicht oder nur mit starkem Unbehagen zu bewältigen. Benötigt wird eine Theorie, die mit Unterscheidungen rechnet und die Unbestimmtheit des empirischen Materials nicht zum Anlass nimmt, Halt in bekannten wissenschaftstheoretischen Traditionen zu suchen; die sich für Formen der Integration von sozialen, psychischen und organischen Formen der Reproduktion interessiert; die sich an die noch längst nicht ausgeschöpften Ideen der Kybernetik und Systemtheorie erinnert und mit ihnen den gängigen Begriff der Kommunikation reformuliert; und die das Problem des Beobachters in den Mittelpunkt rückt und von dort anfängt zu rechnen.

Dieser Ausgangspunkt schließt ein, das Gehirn neurophysiologisch als teleologischen Apparat zu entdecken, der vorhersagegetrieben nicht Gelegenheiten, sondern Ungelegenheiten „erkennt“ und es einem Bewusstsein überlässt, daraus Gelegenheiten zu machen. Es bedeutet außerdem, dass die Autor*innen der Theorie als historische Personen ernst genommen werden müssen. Eine entsprechende Theorie setzt nicht zuletzt auf mehrere, verteilte Beobachter, die sie gemeinsam und doch alle auf ihre Art und Weise unterschiedlich zusammensetzen. All diese Bedingungen zwingen sie dazu, sich immer wieder selbst in Frage zu stellen. Sie ist unabschließ- bar, weil sie mehr Probleme erzeugt als sie lösen kann. Allerdings weiß sie um den Nutzen ungelöster Probleme. Das ist ihr Trumpf, denn es geht mit einem Wort um: Komplexität. Es bleibt noch viel zu tun.