Eine Theorie in fünf Sätzen // von Dirk Baecker

“Wir haben es mit einem Zusammenhang mehrerer Variablen zu tun, die sich, oberflächlich gesehen, widersprechen, nämlich als Einheit von (1) selektiver Verknüpfung der Elemente, (2) Bindung freier Energien aus anderen Realitätsschichten durch Interpenetration, (3) ständige sofortige Wiederauflösung der Verknüpfung und der Bindung, (4) Reproduktion der Elemente auf Grund der Selektivität aller verknüpfenden und bindenden Relationen, und (5) Fähigkeit zur Evolution im Sinne einer abweichenden Reproduktion, die Möglichkeiten der Neuselektion eröffnet. Ein solches System hat kein zeitfestes Wesen. Es ist auch nicht nur in dem Sinne der Zeit ausgesetzt, daß es sich anpassen und gegebenfalls Strukturen ändern muss. Nicht einmal die Austauschbarkeit der Elemente (davon war die Theorie der Autopoiesis im Hinblick auf Makromoleküle bzw. Zellen ausgegangen) erfaßt den Zeitbezug radikal genug. Handlungssysteme benutzen die Zeit, um ihre kontinuierliche Selbstauflösung zu erzwingen; sie erzwingen ihre kontinuierliche Selbstauflösung, um die Selektivität aller Selbsterneuerung sicherzustellen; und sie benutzen diese Selektivität, um die Selbsterneuerung selbst zu ermöglichen in einer Umwelt, die kontinuierlich schwankende Anforderungen stellt.”  
(Niklas Luhmann, Soziale Systeme: Grundriß einer allgemeinen Theorie, 1984, S. 394)


Dieser Artikel wurde auf The Catjects Project veröffentlicht.


Dirk Baecker ist Soziologe, vormaliger Inhaber des Lehrstuhls für Kulturtheorie und –analyse an der Zeppelin Universität und ab diesem Semester an der Privaten Universität Witten-Herdecke lehrend. Seine Arbeiten zur Next Society bilden das theoretische Fundament für den inhaltlichen Kurs der REVUE.