Die guten Banker. Über die Arbeitskultur in den (Investment-)Banken // von Martin Ciesielski (Teil 1)

Banker sind gute Menschen. Fleißige, gottgläubige Menschen, denn „[…] Ist es Zufall, dass sich die Finanzindustrie dort am stärksten entwickeln konnte, in Genf und in Zürich, wo die beiden Reformatoren der Schweiz, Johannes Calvin und Ulrich Zwingli, gewirkt haben?” Der deutsche Soziologe Max Weber (Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, 1904/05) zumindest fände seine These bestätigt.“ – so beschreibt es Jürg Frey in dem schweizerischen Magazin „Die Gazette“ in der Ausgabe Nr. 46. 

Doch wie wir alle wissen, gibt es bereits andere Finanzstandorte, die die Schweiz überrundet haben: Wall Street und die City of London. Will man also die heutige Finanzwelt von heute verstehen, macht es durchaus Sinn, sich mit einem dieser Zentren auseinander zu setzen. Dies hat der Journalist und Sozialwissenschaftler Joris Luyendijk auf beeindruckende Art und Weise in seinem Buch „Unter Bankern – Eine Spezies wird besichtigt, das die Tage auch auf Englisch erscheint, getan. Ähnlich wie Weber geht es ihm um das Verstehen des Arbeitsethos in den Banken. Die Kultur. Will man die Banken verstehen, muss man die Kultur in den Bankentürmen verstehen. 

Die Ethik des Geldes

Luyendijk kommt aufgrund seiner geführten Interviews zu dem Schluss, dass das Bankenwesen nicht unmoralisch handelt – sondern amoralisch. Bewertungen spielen dort jenseits von Ratings und Bonitäten kaum eine Rolle. Wenn dies allerdings während seiner Interviews insbesondere in Hinblick auf die vermeintliche Offenheit gegenüber unterschiedlichen Ethnien, sexuellen Präferenzen oder sozialer Herkunft von den Bankern stets wiederholt wird, so bekommt man schnell den Eindruck, dass all diese Bewertungskategorien deshalb keine Rolle spielen, weil es eine einzige, alles entscheidende, höchste Bewertungsinstanz und -kategorie gibt: die des Geldes. Geld sticht alles. Solange die Performance stimmt, spielt alles andere keine Rolle. Bis auf den notwendigen Anzug oder das teure Kostüm. „They don´t give a fuck, who you are!“ – das Einzige was zählt ist das Wesen des Geldes. Oder anders formuliert: vor dem Geld sind alle Menschen gleich (entbehrlich).

So herrscht am Ende doch eine Moral: die Moral des Geldes. Jegliche Kreativität der von Juyendijk befragten, hauptsächlich aus dem Investmentbanking stammenden Banker, fließt in Profitabilitäts-Überlegungen. Zitat eines Interviewten Bankers: „Bessere Aufsicht und Kontrolle? Erwarten Sie nicht zu viel davon. Egal welche Vorschriften man sich ausdenkt, es gibt immer Mittel und Wege, sie zu umgehen.“

Quelle:Pixabay

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Der Stamm der Banker

„Das hat etwas von einer Stammesgemeinschaft; die Zugehörigkeit und die Unterstützung, die du von deinen Kumpels dort erfährst. Dein Selbstwertgefühl wird immer stärker durch deine Arbeit definiert. […] Dein Job ist keine Arbeit mehr – sondern deine Identität.“ Und wer stellt die gern in Frage? Oder noch schlimmer: lässt diese Identität von außen in Frage stellen? So merkt auch Luyendijk an, dass einer der größten Fehler im Umgang mit den Finanzkrisen, die öffentliche Anklage der Banker war. Es geht um strukturelle, um organisationskulturelle Fragen, nicht um einzelne Schwarze Schafe oder den vermeintlich bis ins Mark verdorbene Banker.

In den Banken, wie auch in anderen Unternehmen, werden sehr schnell Abhängigkeiten geschaffen. Von Kollegen, von Vorgesetzten, von Gehältern. So schreibt Luyendijk, dass „mit steigendem Einkommen auch die Ansprüche wachsen; viel schwerer ist es allerdings, sich bei sinkendem Einkommen wieder einzuschränken.“ Können wir dieses Verhalten nicht auch bei uns selbst erkennen?

Hat ein Banker in der City Kinder, so werden diese mit Sicherheit eine Privatschule besuchen, was ebenfalls Fixkosten erzeugt, ebenso wie das Haus, das es abzubezahlen gilt. Wer nun der Meinung ist, dass man ja auch einfach darauf verzichten könnte, der irrt. Luyendijk: „Manch junger Banker berichtete mir, man habe ihm sogar empfohlen, seine Ausgaben in die Höhe zu schrauben: teure Kleidung, Autos, Urlaube und so weiter. So signalisiere man, dass man gerade richtig aufdreht und sich mit der Arbeit identifiziert. Sparen dagegen impliziere, dass man sich Optionen offenhält. Watch your watch, nennt der deutsche Finanzsoziologe Bernd Ankenbrand das – mit einer Uhr für nur hundert Pfund am Handgelenk kann man den hohen Bonus gleich vergessen. Ein Recruiter, mit dem ich regelmäßig ein Sandwich essen ging, arbeitete viel mit Senior-Bankern und betonte, dass in einigen Abteilungen renommierter Investmentbanken Autos, Häuser, Boote, Schulen und Urlaube ein wesentlicher Teil des Auftretens seien. „Sie haben keine andere Wahl“, sagte er. „Wenn Sie bei Goldmann arbeiten, können sie nicht in einer malerischen Ruine wohnen.“