Die guten Banker. Über die Arbeitskultur in den (Investment-)Banken // von Martin Ciesielski (Teil 2)


Den sozialen Tod vermeiden – um jeden Preis

Es ist sehr wahrscheinlich, dass die gleichen Mechanismen auch in anderen und weniger renommierten Banken greifen. Die Amerikaner kennen dazu die Bezeichnung „Keeping Up with the Joneses“. Der Vergleich mit den Kollegen und Nachbarn treibt uns immer weiter dazu an, mehr zu wollen. Wir wollen dazu gehören. Zu einer Bezugsgruppe. Eine Gruppe von Menschen, die uns Schutz, Identität und ein Zugehörigkeitsgefühl gibt. So kommt Luyendijk auch u.a. zu dem Schluss, „dass die Finanzwelt zu einem maßgeblichen Teil nicht von Menschen bevölkert ist, die mutwillig Schaden anrichten, sondern von Konformisten, die sich die Frage nach Gut und Böse überhaupt nicht mehr stellen. Sie haben sich in ihrer Seifenblase prima eingerichtet und verkehren ohnehin nur noch mit Gleichgesinnten.“ Dabei ist das primäre Ziel, den sozialen Tod durch Ausgrenzung zu vermeiden.

Das wahrhaft Beunruhigende an den Ergebnissen seiner Recherchearbeit ist allerdings, dass es auch innerhalb dieser Bezugsgruppen und Teams sehr viel Unsicherheiten, Gewaltformen, knallharte Konkurrenz und Argwohn gibt. Die meisten Beziehungen werden eher auf ihren Transaktionswert („Was bringt der mir?“) reduziert, als auf freundschaftliche Werte. Speziell in der City of London gibt es keinerlei Kündigungsschutz, was die Mitarbeiter in den Banken zusätzlich dazu antreibt, so viel wie möglich, in kürzester Zeit für sich aus dem System heraus zu holen. Wer weiß, wie lange man noch auf seinem Stuhl sitzt…?

Somit verwundert es auch nicht, dass mit den Kunden genauso umgegangen wird, wie mit einem selbst. Blitzentlassungen aufgrund von schlechter Performance werden auch gerne als Hinrichtungen bezeichnet. Der alljährliche Stellenabbau bei JPMorgan und Goldman Sachs wird auch als „to cull“ bezeichnet – wie das Keulen von Kranken Rindern in der Landwirtschaft. Es entsteht ein durchaus gewolltes Klima der Angst.

Der Wert der Angst

Für eine Abteilung Risiko und Compliance, also der Bereich, der sich um das Risikomanagement einer Bank kümmert, ist es allerdings von entscheidender Bedeutung, dass die Mitarbeiter sich trauen ehrlich und offen zu reden, so Luyendijk. Er zitiert eine Mitarbeiterin damit, dass alle Angst hätten und keiner dem anderen trauen würde: „Denk an deine Lohntüte!“ 

Hinzu kommen die enormen Leistungsanforderungen. Jedes Jahr zehn Prozent mehr. „Wie du das machst, ist mir egal – I don´t care how you do it!“ Im Bereich der wirtschaftethischen Forschung ist schon lange bekannt, dass unrealistische Zielvorgaben und Deadlines die Hauptursachen für unethisches Verhalten sind. Die Forscher Badaracco und Webb fanden ihrerseits vier Quasi-Gebote in Organisationen, die auch in den Ergebnisse von Lujuendijk zu finden sind. Die Performance zählt an erster Stelle, also gilt es, die Zahlen zu erfüllen. An zweiter Stelle geht es um Loyalität und um das Zusammenspiel mit den anderen (woraus auch der genannte Gruppendruck resultiert). An dritter Stelle gilt es zu vermeiden, bestehende Gesetze zu brechen. Und an vierter Stelle, sollte man sich nicht allzu lange mit ethischen Fragen beschäftigen – was vermutlich nur die unter Zeitdruck stehende Performance abschwächen würde.

Zieht man nun „I don´t care how you do it!“ und “They don´t give a fuck, who you are!” zusammen, bleibt eine Kultur übrig, die ihre primären Wertekategorien darin sieht, zähl- und messbare Werte zu schaffen. Koste es, was es wolle. Solange die Kosten nicht auf die eigene Performance zurück zu führen sind. Du bist, was du bringst.

Es kommt darauf an, wie man es nennt

„Wenn man Unternehmen oder reichen Familien hilft, im legalen (!) Rahmen Steuerzahlungen zu vermeiden, handelt es sich dabei um „Steueroptimierungen“ mit Hilfe von „steuergünstigen Regelungen“ (tax-efficient structures). Nachsichtige externe Anwälte und Aufseher sind „unternehmerfreundlich“ (business-friendly). […] Wenn man einmal darauf achtet, sieht man überall Beispiele dafür, dass das Vokabular, in dem Menschen in der Finanzwelt über ihre Arbeit sprechen und nachdenken, weitestgehend von Wörtern befreit ist, an denen sich eine Ethikdiskussion entzünden könnte. Das größte Kompliment, dass man einer Person in der City machen kann, ist denn auch, sie „professionell“ zu nennen. Denn das heißt, dass sie in der Lage ist, ihre Gefühle – einschließlich ihrer moralischen Überzeugungen – bei der Arbeit außen vor zu lassen. Der Begriff Ethik findet allenfalls in Kombination mit dem Wort „Arbeit“ Verwendung – und bedeutet in dem Zusammenhang so etwas wie „absoluter Gehorsam und vorbehaltloser Einsatz für den Boss und die Bank.“