Die dunkle Seite der Romantik // Ein Gespräch mit Tim Leberecht

Tim, was treibt dich beim Thema "Romantik", und gab es einen "turning point", bei dem nicht mehr du das Thema, sondern das Thema dich zu treiben begann?

Das Thema hat mich schon mein ganzes Berufsleben umgetrieben, also seit 20 Jahren. Mein Großvater war Filmemacher, mein Vater Manager und meine Mutter Juristin. Die Spannung zwischen Kunst und Kommerz, zwischen „meaning und money“, fand ich immer schon interessant. Während meiner Zeit als Marketingleiter von Frog Design, von 2006 bis 2013, hatte ich dann das große Glück, diese Reibungsfläche als mein Spielfeld zu haben, und mir wurde bewusst, wie persönlich das Thema für mich ist und dass ich, als studierter Geisteswissenschaftler mit wohl eher künstlerischer Neigung, nicht nur viel zum Erfolg von Unternehmen beitragen kann, sondern auch regelmäßig in Unternehmenskulturen leiden muss.

Diese Grunddisposition wurde für mich dann umso spürbarer, als ich direkt mit Frog’s Investoren, der Private Equity Firma KKR, zusammenarbeitete. Ich habe damals viel gelernt, aber auch die dunkle, menschenverachtende Seite des Wirtschaftgesehen, für die Kultur, Charakter und Herz reine Ablenkungen sind. Daraufhin habe ich mich dann dazu durchgerungen, meine eigene Vision von Wirtschaft zu formulieren und schnell festgestellt, was ich immer schon geahnt hatte: dass ich ein Romantiker bin, genauer gesagt, ein Business-Romantiker..

Im Laufe der Recherchen für das Buch Business-Romantiker. Von der Sehnsucht nach einem anderen Wirtschaftsleben.“ stellte sich dann heraus, dass ich nicht der einzige bin, und dass es vielen so ging wie mir, was mich natürlich weiter inspirierte und ermutigte. Endlich hatte ich das richtige Vokabular gefunden, für mich und vielleicht auch für andere, um zu beschreiben, wie wir uns im Business fühlen, und warum es für Unternehmen von Wert ist, Business-Romantiker zu entdecken und zu fördern. Seitdem treibt mich das Thema noch stärker um als zuvor, und mit der Veröffentlichung des Buches und der Resonanz, die es auslöste, hat sich jetzt eine interessante Eigendynamik entwickelt. Ich habe schnell gemerkt, dass ich meinen eigenen Prinzipen gerecht werden muss und folge jetzt ganz meinem Herzen, auch wenn dies bedeutet, dass ich z.B. meine sichere Anstellung als CMO einer Designfirma aufgeben musste. Es gibt kein Zurück mehr!

Nun, alles andere ginge ja tatsächlich in Richtung Selbstbetrug. So wie du die Sehnsucht beschreibst, ist deine Bewegung gut nachvollziehbar. Und trotzdem klingelt bei mir im Hinterkopf eine Alarmglocke. Nicht nur, dass das Thema "Sinn" zur Zeit Hochkonjunktur hat - die Entzauberung der Welt, der kühle Blick auf die Verhältnisse, die Ambivalenz des Flaneuers, der sich mit einer angenehmen Portion Selbstironie dem romantischen Schwelgen und ungebrochener Ganzheit verweigert: all das sichert ja durchaus auch die Grenzzäune, die uns eh schon prekär genug von der totalitären Romantik eines IS oder den rückwärtsgewandten Tümelein nationaler Sirenengesänge bewahren. Gibt es für dich nicht auch diese dunkle Seite der Romantik?

Vielleicht ist ja gerade das die große Chance für die Zukunft: eine demokratische Spielart der Romantik, die all jene Werte und Qualitäten wieder in unsere Gesellschaft einbringt, die wir nun so dringend brauchen: Vorstellungskraft, Wärme, Intimität, und Einfühlungsvermögen. Romantik hat eine entscheidende moralische Qualität. Die Empfänglichkeit und Sensibilität für Ideen und andere Welten, für verborgene und mitunter sogar konkurrierende Bedeutungen, macht Romantiker theoretisch empathiefähiger.

Das ist eine spannende und zugleich verstörende Frage. Die dunkle Seite war sicher Teil der ursprünglichen romantischen Bewegung des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Die Romantiker wollten ja ganz bewusst die volle Brandbreite des Menschseins erfahren mit all ihren Licht- und Schattenseiten. Und als Gegenbewegung zur aufklärerischen Vernunft waren die Romantiker als Stimmungsmenschen naturgemäß empfänglich für die Idee der Transzendenz, für die Annahme extrem anderer Welten. In gewisser Weise wollten sie in das Herz der Finsternis blicken, um authentische Erfahrungen zu machen, sowohl im Schmerz als auch im höchsten Glücksgefühl. Romantik bedeutet Trauer, Angst, Nervosität, Herzrasen, Spannung, Konflikt, Verzweiflung – Leiden an sich selber und Leiden an der Welt: Weltschmerz eben, um diesen schönen deutschen Begriff zu verwenden. Das mag etwas schwülstig und verquast klingen, aber war eben in dieser Hinsicht – völlig ironiefrei – Kern der Bewegung.

Allerdings führte die Ablehnung der Rationalität als alleiniger Sinnquelle und als objektivem Wahrheitsmaßstab die Romantik bisweilen in die Abgründe der Irrationalität und – obwohl ja eine an und für sich zutiefst subjektive und private Bewegung – oft auch ins Politische. Es gibt bekanntlich einige, die der Romantik vorwerfen, mit ihrem Rebellentum, dem schwelgerischen Glauben an Entgrenzung und Subjektivität die bürgerliche Grundordnung und tradierte Moralvorstellungen zerstört und somit den Weg für den Nationalsozialismus geebnet zu haben. Rüdiger Safranski hat in seinem Buch „Romantik. Eine deutsche Affäre“ die Romantik zwar diesbezüglich etwas rehabilitiert und dargelegt, warum und wie sie von den Nationalsozialisten vereinnahmt wurde, aber der Grundverdacht bleibt.

Vielleicht ist ja gerade das die große Chance für die Zukunft: eine demokratische Spielart der Romantik, die all jene Werte und Qualitäten wieder in unsere Gesellschaft einbringt, die wir nun so dringend brauchen: Vorstellungskraft, Wärme, Intimität, und Einfühlungsvermögen. Romantik hat eine entscheidende moralische Qualität. Die Empfänglichkeit und Sensibilität für Ideen und andere Welten, für verborgene und mitunter sogar konkurrierende Bedeutungen, macht Romantiker theoretisch empathiefähiger. Sie fühlen mehr und können sich daher einfühlen, nicht nur in das andere Leben, sondern auch das Leben der anderen. Safranski bezeichnet die Romantik als die „Fortsetzung der Religion mit ästhetischen Mitteln“ – es wäre in der Tat zu überlegen, ob diese Qualität heute nicht wieder von Wert wäre. Die Technokratisierung, die Materialisierung, die „Entzauberung der Welt“ (Max Weber) wirkt ja bis zur Gegenwart an – ist nun angesichts von Datafizierung und Algorithmisierung der Welt sogar noch akuter – und der romantische Impuls ist daher nicht totzukriegen.

Quelle: pixabay

Quelle: pixabay

Leider haben wir Romantik aber weitgehend aus dem politischen Diskurs, aus dem gesellschaftlichen Leben verbannt. Stattdessen benutzen wir Ironie und oft auch Zynismus, um uns von jenen Gefühlen zu distanzieren, die uns unter die Haut gehen, uns gefährlich werden könnten. Wenn wir die Wahl haben zwischen Intensität und Kontrolle, entscheiden wir uns für Kontrolle, und die Idee der Balance, das Konzept vom ausgeglichenen, risikofreien Leben, ist ein weitgehend akzeptiertes Leitbild in Deutschland. Mit Visionen tun wir uns schwer – ich habe das selber einmal erlebt, als ich vor einigen Jahren bei einer sogenannten „Zukunftswerkstatt“ des Bundeskanzleramts mitwirkte. Und Begriffe wie Sehnsucht finden wir eher aufdringlich und peinlich. Nun ist es aber so, dass Peinlichkeit immer auch wahre Gefühle entlarvt, und so ist es auch mit der Sehnsucht. Vielleicht haben wir ja mehr Sehnsucht nach Sehnsucht, als wir wahrhaben wollen. Oder wie es indem Film „Central Station“ von Walter Sallesso schön heißt, vielleicht haben wir ja Sehnsucht nach allem. Sehnsucht hat eigentlich kein konkretes Ziel, keine Agenda, sie will nur mehr: mehr an Gefühlen, mehr an Erlebnissen, mehr Leben – und die Gewissheit, dass sich dieses „mehr“ nie vollkommen erfüllen wird.

Wenn wir es nicht schaffen, wieder mehr Romantik in das Zentrum unserer Gesellschaft zu integrieren, dann werden wir womöglich mitansehen müssen, wie sich die Sehnsucht an den extremem Randbereichen unserer Gesellschaft zu neuen radikalen Bewegungen deformiert.

Es gibt immer wieder Bewegungen, die diese Stimmung aufgreifen und ihr Gehör verschaffen: die Grünen in den 80er und 90er Jahren, die Piratenpartei, Occupy Wall Street und zuletzt auch die Grexit-Debatte, die zu einer erstaunlich breiten, wenn auch diffusen emotionalen Opposition zum Technokratentum in Brüssel auswuchs. Rainer Nübel hat übrigens dazu ein leichtverdauliches und dennoch sehr scharfsinniges Buch geschrieben („Aufbrechen – Wie die Sehnsucht unsere Gesellschaft verändert“). Wie ich glaubt er, dass wir mehr Sehnsucht zulassen müssen in der Mitte unserer Gesellschaft, weil wir ansonsten Gefahr laufen, zu einer rein utilitaristischen Zweckgemeinschaft zu verkommen, die sich damit begnügt, mit den Mitteln der Ingenieurkunst schrittweisen Fortschritt zu erwirken. Aber ohne Zukunftsvisionen lässt sich die Gegenwart nur schwer ertragen, und ohne Utopien sind alle Orte der Wirklichkeit klaustrophobisch.

Wenn wir es nicht schaffen, wieder mehr Romantik in das Zentrum unserer Gesellschaft zu integrieren, dann werden wir womöglich mitansehen müssen, wie sich die Sehnsucht an den extremem Randbereichen unserer Gesellschaft zu neuen radikalen Bewegungen deformiert: siehe IS. Es sind sicher viele Faktoren, die Menschen dazu bringt,sich dieser faschistischen Organisation anzuschließen, aber allen Berichten zufolge sind es eben nicht nur soziale Marginalisierung oder religiöser Fanatismus, sondern eben auch der Wunsch Teil einer Bewegung zu sein, einer Idee, die größer ist als man selbst, und die eine scheinbar eindeutige, nichtverhandelbare Wahrheit anbietet.

Einer entzauberten, pragmatischen und technokratisierten Gesellschaft fehlen auf Dauer die Ideen und die spirituelle Kraft Gemeinschaft zu erzeugen und zu verteidigen. Die Europäische Union ist dafür das Paradebeispiel: wir haben von Anfang an viel zu einseitig auf Kosten- und Nutzen-Rechnungen, auf rationale Argumente gesetzt, dabei aber völlig vergessen, eine Vision aufzustellen und die Bürger zu begeistern und emotional mitzunehmen. Europa befindet sich nun in einer grundlegenden Identitäts- und Wertekrise, und in gewisser Weise ist mangelnde Romantik einer der Gründe. Wir haben zu wenig Sehnsucht nach Europa. Maximierung und Optimierung reichen einfach nicht. Wir brauchen wieder mehr Nähe, mehr Zauber, nicht nur mehr Bürgersinn, sondern auchmehr Bürgerherz.

Ich kann deine Überlegungen nachvollziehen. Und dennoch bleibt mein Unbehagen: vor die Wahl gestellt, in einer aufgeklärten Welt zu leben, in der zur Verständigung Argumente zählen und nicht ein dumpfes Gefühl der Zugehörigkeit, wäre meine Präferenz sehr klar. Und natürlich ist die Zumutung des Arguments mit einem Preis versehen. Die wachsende Sehnsucht nach allem, verwundert kaum, wenn man sich die Umstände anschaut, in denen viele Menschen ihren Alltag verrichten. Aber wenn Romantik heißt, einfach nur wieder irgendwo mitzumachen, auf seinen Bauch zu hören, statt nachzudenken, dann habe ich Bilder all der Opportunisten, die mit einem guten Gefühl zuschlagen, im Kopf. Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer - nach wie vor. Und das ist kein Argument gegen die Leidenschaft, sein Leben zu leben - bestenfalls eines gegen die liebestollen Schwärmereien einer romantischen Verklärung dessen, was ist. Oder?

Das ist ja eben das Problem: der naive und falsche Dualismus zwischen Vernunft und Gefühl, als ob sich das so einfach trennen ließe. Wir wissen ja von den Neurowissenschaften, dass unsere Gefühle kognitiv verankert sind und unser Denken auch emotional gesteuert ist. Die Vernunft soll also nicht schlafen, aber deswegen müssen wir ja nicht aufhören zu träumen! Anstelle des blinden Glaubens an eine datengestützte empirische Wahrheit brauchen wir eine ganzheitlichere Vorstellung unseres Daseins, die weder rein rational noch rein emotional, weder rein materiell noch rein spirituell ist.

Es ist also Zeit für eine Korrektur, ein neues Gleichgewicht. Da kommt die Romantik ins Spiel, als ein zutiefst menschliches Mittel gegen die Entmenschlichung unserer Welt – und angesichts von Maschinen-Intelligenz, Daueroptimieren -und Maximieren brauchen wir sie jetzt mehr als je zuvor.

Und da ist es für mich offensichtlich, dass das Pendel in den letzten Jahren doch stark in Richtung des nüchternen-sachlichen Pragmatismus ausgeschlagen hat – es ist also Zeit für eine Korrektur, ein neues Gleichgewicht. Da kommt die Romantik ins Spiel, als ein zutiefst menschliches Mittel gegen die Entmenschlichung unserer Welt – und angesichts von Maschinen-Intelligenz, Daueroptimieren -und Maximieren brauchen wir sie jetzt mehr als je zuvor. Übrigens dient sie auch als unternehmerisches Leitprinzip: in einer automatisierten Arbeitswelt wird "Business- Romantik" – die Fähigkeit, Mehrdeutigkeit, Ungewissheit und Unberechenbarkeit mit Poesie, Empathie und großer emotionaler Intelligenz zu managen, zum entscheidenen Wettbewerbsmerkmal. Was sich gut anfühlt und "weich" klingen mag, wird schon bald zu absolut "harten" Notwendigkeit – am Arbeitsplatz und in der Marktführung.

Tim, ich danke dir für deine ausführlichen Erläuterungen. Sie selbst sind ein guter Ausweis dafür, dass romantische Ideen einer kritischen Auseinandersetzung nicht im Wege stehen müssen. Ich bin gespannt, wie sich dein klares Plädoyer für ausgewogene Verhältnisse im Dauerfeuer rationaler Diskurse behauptet. Und wie es uns gelingt, mit unserer Sehnsucht nach Mehr, das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten.


Über den Autor

Tim Leberecht ist der Autor des Buches "Business-Romantiker. Von der Sehnsucht nach einem anderen Wirtschaftslebens."  und der Begründer der "Business Romantic Society".

Als international renommierter Management-und Marketing-Experte sprach er u.a. bei TED, DLD, The Economist und auf dem World Economic Forum. Tim Leberecht schreibt für Publikationen wie Harvard Business Review, Fortune, Forbes, Fast Company und Wired. Geboren und aufgewachsen ist er in Deutschland, seit über 10 Jahren lebt er in San Francisco.