Können wir Industrie 4.0? Ein Gespräch mit Prof. Sabine Pfeiffer (Teil 1)

Frau Pfeiffer, Sie beschäftigen sich im Rahmen Ihrer Forschung an der Uni Hohenheim mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf den Industriestandort Deutschland. Was ist Ihnen dabei aufgefallen?

Das Thema beschäftigt mich bereits seit den 80er Jahren. In dieser Zeit hatte ich immer wieder Déjà-vu-Erlebnisse: Alle paar Jahre kommen die gleichen Diskussionen wieder auf, es gibt einen Hype um das Thema, der dann nach einer Weile wieder abflaut. Aktuell ist das Thema Digitalisierung wohl tatsächlich in der Breite unserer Gesellschaft angekommen – die Zahl der Veröffentlichungen explodiert, und jeder fühlt sich berufen, sich dazu zu äußern. Aber ich glaube, dass sich auch das wieder etwas abkühlen wird. Während sich die öffentliche Diskussion immer wieder zwischen extremen Pendelausschlägen bewegt - man hat die Wahl zwischen „alles neu“ oder aber „alter Wein in neuen Schläuchen“ – liegt die Wahrheit wie immer irgendwo dazwischen. So glaube ich beispielsweise nicht, dass Digitalisierung „die“ Auswirkung auf Arbeit hat – es wird sehr unterschiedliche Auswirkungen geben, und die jeweils mit ungleichzeitiger Dynamik. Es ist nicht ganz einfach, bei dieser ganzen medialen Aufregung sachlich, differenziert und empirisch fundiert zu argumentieren – genau dies versuche ich jedoch mit der Forschung an meinem Lehrstuhl.

Gehen Sie denn bei diesem Auf und Ab davon aus, dass sich diesmal tatsächlich mehr ändert als in der Welle davor?

Es gibt - ökonomisch bedingt - tatsächlich ein bislang ungekanntes Interesse an digitalen Geschäftsmodellen. Mehr Venture Capital als jemals zuvor ist verfügbar und drängt in die Start-Ups bzw. in den Bereich „Internet of Things“. Die großen IT-Giganten kaufen kleine Firmen auf und entwickeln ein bisher nicht so verbreitetes Interesse am Nicht-Digitalen. Auch die deutsche Politik hat das Thema entdeckt und fürchtet gerade im Bereich Industrie 4.0 zu recht, dass sich in nächster Zeit entscheidet, welche Volkswirtschaften in der globalen Internetökonomie mitspielen werden und welche nicht. Wir haben zweitens institutionell eine ganze andere Dynamik als etwa noch in der New Economy-Phase. Wir haben drittens eine globale ökonomische Situation, die nach neuen Wachstumsmöglichkeiten sucht. Und es tut sich natürlich auch technisch wirklich Neues: Die Verbindung von Stofflichem und dem Digitalen geht eine neue Qualität ein. Im Bereich „Internet der Dinge“, bei der Robotik und beim 3D-Druck werden wir in den kommenden Jahren wirklich Neues sehen.

So glaube ich beispielsweise nicht, dass Digitalisierung “die “Auswirkung auf Arbeit hat - es wird unterschiedliche Auswirkungen geben, und die jeweils mit ungleichzeitiger Dynamik.

Ob sich jedoch die hohen Erwartungen an die damit verbundenen Geschäftsmodelle immer realisieren lassen – da bin ich skeptisch. Auch wenn sich günstigere Leichtbau-Roboter und zweiarmige Roboter in Bereichen rechnen werden, in denen sich solche Automatisierungsinvestitionen bislang nicht gelohnt haben, etwa in der Logistik. In diesen Bereichen werden sich auch Arbeitsanforderungen und Arbeitszuschnitte ändern. In welche Richtung das geht ist jedoch nicht ausgemacht. Das World Economic Forum denkt nicht ohne Grund über eine Blended Workforce nach: Die Tendenz geht dort in Richtung Automatisierung und den Versuch, sich von qualifizierter menschlicher Arbeit möglichst unabhängig zu machen. Hinter solchen Investitionsentscheidungen stehen letztlich immer die ökonomischen Rationalitäten – und oft auch die Phantasien der Technikgestalter. Aus der Geschichte der Automatisierung wissen wir jedoch, dass die Substitution menschlicher Arbeit selten so ausging wie gedacht, weil neue Komplexität entstehen, die wiederum nur von Menschen bewältigt werden kann.

Aus der Geschichte der Automatisierung wissen wir jedoch, dass die Substitution menschlicher Arbeit selten so ausging wie gedacht, weil neue Komplexitäten entstehen, die wiederum nur von Menschen bewältigt werden kann.

Erwähnen muss man in diesem Zusammenhang noch die Themen Big Data und den Rekurs auf künstliche Intelligenz. Big Data wird dort zum Problem werden, wo die schiere Masse an Daten und der fälschliche Glaube an die Kausalität hinter Korrelationen dazu führt, unser Verhalten zu beeinflussen. Da wird es einen Riesenschub geben in Bezug auf unser aller Konsumverhalten. Und das birgt perspektivisch große Gefahren für unsere Demokratie: Wenn Google heute schon weiß, welche Plätze in Städten dieser Welt zu welchen Tages- und Nachtzeiten wie stark von Menschen frequentiert sind, wird Google möglicherweise auch schon sich anbahnende Proteste „sehen“ können, bevor Menschen sich kollektiv dazu entschließen.

Dazu kommen die Geschäftsmodelle der sog. Sharing Economy und des Crowd Workings, die potenziell die endgültige „Freisetzung“ aus abhängiger Beschäftigung ermöglichen – leider aber auch verbunden mit der Gefahr, dass die entstehende 1099er-Workforce, wie sie in den USA genannt wird, noch mehr Risiken auf den Einzelnen abwälzt, und die Optionen auf  Autonomie und Zeitflexibilität gegen einen (zu) hohen Preis bezüglich Einkommen und Sicherheit eingelöst werden. In der Summe haben wir also viele, sich teils auch verstärkende technische Innovationen, die mit einem erhöhten Interesse durch relevante Akteure in Ökonomie und Politik einhergehen. Und: von all dem ist in der Breite der Gesellschaft schon so viel angekommen, dass webbasierte Nutzungsformen eben kein Nischenphänomen mehr sind, sondern längst zum Mainstream gehören.

Zum zweiten Teil des Interviews geht es hier.