Können wir Industrie 4.0? Ein Gespräch mit Prof. Sabine Pfeiffer (Teil 2)

Zum ersten Teil des Interviews geht es hier.

In den Medien lesen wir immer wieder, dass der Standort Deutschland auf diese Entwicklung nur unzureichend vorbereitet ist. Gerade der Mittelstand - das Rückgrat der deutschen Industrie -gerät immer wieder in die Kritik: zu wenig innovativ, zu produkt- und zu optimierungsfokussiert, in seinen Pfadabhängigkeiten verfangen, altmodisch bis in die Führungskultur hinein. Wie sehen Sie das? Gilt auch hier die Einsicht der Organisationstheorie, nach der nichts hinderlicher ist für die eigene Zukunftssicherung als eine erfolgreiche Vergangenheit? Sind die Triumpfe der deutschen Ingenieurskunst der Sargnagel für die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie?

Die deutsche Ingenieurskunst ist alles andere als ein Sargnagel – nicht umsonst ist das Interesse so vieler großer IT-Firmen an der Maschinen- und Anlagentechnik aus Deutschland so groß wie noch nie. Das Industrial Internet funktioniert eben nicht, wenn hinter den Apps und Gadgets nicht auch „harte“ und robust funktionierende Engineering-Lösungen stehen. Natürlich kann Erfolg verwöhnen und ebenso wie Pfadabhängigkeiten auch die Innovationsfähigkeit und Beweglichkeit von Organisationen erschweren. Das Phänomen lässt sich überall beobachten und ist alles andere als ein reines Mittelstandsphänomen. Das gilt genau so für die IT-Firmen und Großkonzerne aus dem Silicon Valley und anderswo – ob Blackberry oder Nokia, ob Microsoft oder Dell: da ließe sich die Diagnose der Innovationsschwerfälligkeit doch genauso stellen.

Die deutsche Ingenieurskunst ist alles andere als ein Sargnagel...

Die Studien, die momentan für den Mittelstand in Deutschland Rückständigkeit diagnostizieren sind methodisch kaum tragend, sie fragen meist – und oft nicht einmal repräsentativ – lediglich Meinungen von Entscheidern ab, sie bilden nicht einen realen Digitalisierungsgrad oder wirkliche Innovationsschritte ab. Wenn Sie den Firmenchef eines hidden champions im Maschinenbau fragen, wieweit er sein Unternehmen beim Thema Industrie 4.0 sieht, winkt dieser möglicherweise ab, obwohl seine Engineeringabteilung technologisch aktuell höchst innovative Schritte geht, die man genau so ausschildern könnte. Nichts ist heterogener als der Mittelstand, deswegen sind pauschale Aussagen über den Mittelstand eigentlich fast immer Politik und nicht empirisches Ergebnis. 

FOTO: Steve Jurvetson (Flickr)

FOTO: Steve Jurvetson (Flickr)

... nicht umsonst ist das Interesse so vieler IT-Firmen an den Maschinen- und Anlagentechnik aus Deutschland so groß wie noch nie.

 Aber bleiben wir mal im Maschinenbau, der ja als Ausrüster für Industrie 4.0 gilt und daher aktuell mehr öffentliche Aufmerksamkeit genießt als in den letzten 30 Jahren. Nach meiner Erfahrung – und ich forsche seit Jahren zum Thema Innovation im Maschinenbau – ist die Branche extrem beweglich. Sie hat Krisen hinter sich, die andere Branchen erst vor sich haben. Auch solche Erfahrungen machen zwangsläufig beweglich. Und: wir reden gerade überall über agile Prozesse, über Entwicklung nah an den Kundenbedürfnissen und über personalisierte Produkte mit Losgröße 1, wir reden darüber wie umfassende Dienstleistungen rund um das eigentliche Produkt zum Geschäftsmodell werden können, wie man zu Pricing Modellen kommt, die nicht das Produkt, sondern dessen Verfügbarkeit abbilden. Und wir reden über die Fähigkeit, im globalen Wettbewerb immer wieder neue Märkte und ganz andere Kunden- und Anwendungskontexte zu generieren. All diese Ideen bestimmen den Diskurs um die Digitalisierung. All diese Dinge machen unzählige Unternehmen im Anlagen- und Maschinenbau oder in der Antriebstechnik aber schon seit Jahren. Sie reden nur nicht so viel drüber, halten keine schicken Keynotes auf der Re:publica oder bei einem TED-Event. Vielleicht auch deswegen, weil sie es gewohnt sind – eine wunderbar altmodische Angewohnheit – Investitionen aus eigener Kraft zu stemmen und sich nicht von verlockendem Venture Kapital abhängig zu machen. Auf der anderen Seite könnte man auch fragen: wie innovativ sind denn solche Start-ups oder große Unternehmen, die die x-te App für eine Todo-Liste oder eine Webplattform für Online-Shopping oder CrowdSourcing anbieten? Das wird automatisch als hip und innovativ gesehen. Das war es vielleicht noch vor einigen Jahren – heute ist das auch nichts anderes als nachholendes Kopieren.

Und Ihr Fazit?

Wir sollten mit allen Pauschalierungen vorsichtig sein. Weder gibt es den Mittelstand, noch ist alles Bestehende alt und schwerfällig und alles Neue automatisch innovativ. Ob ein Unternehmen wirklich innovativ ist, entscheidet sich nicht auf der Ebene der Branchenzugehörigkeit oder der Größe. Tatsächlich sind es andere Faktoren: eine innovationsförderliche Unternehmenskultur, eine diverse Belegschaft mit soliden, aber unterschiedlichen Qualifikationen, viele Außenkontakte mit der Möglichkeit neuer Impulse, Mitsprache und Mitbestimmung bei der Arbeit und Gelegenheiten für eine partizipative Entwicklung von Organisation und Technik. Das alles kann man in alten und neuen, in kleinen und großen Unternehmen herstellen – wenn man es will. 


FOTO: Andreas Amann

FOTO: Andreas Amann

Über Prof. Dr. Sabine Pfeiffer

Frau Prof. Dr. Sabine Pfeiffer beschäftigt sich mit dem Zusammenspiel von Mensch, Technik und Organisation. Für sie ist Arbeit ein zentraler Teilhabe- und Vergemeinschaftungsmodus der Gesellschaft.  Die Arbeits- und Industriesoziologin  forscht, lehrt und publiziert unter verschiedenen Perspektiven dieses Aspektes als Professorin für Soziologie an der Universität Hohenheim und am ISF München.

http://www.sabine-pfeiffer.de