Können wir Industrie 4.0? Ein Gespräch mit Prof. Sabine Pfeiffer (Teil 3)


Frau Pfeiffer, Ihre aktuelle Studie zur Digitalisierung hat für ziemliches Aufsehen gesorgt. Was hat Sie bewegt, sich das Thema so gründlich anzuschauen?

Man liest ja die unterschiedlichsten Überschriften zur Frage, was die Digitalisierung und Industrie 4.0 für Arbeitsmarkt und Beschäftigung bedeuten. Hinter diesen Überschriften stehen Behauptungen, die methodisch oftmals gar nicht nachvollziehbar sind. Etwa bei den Prognosen von Boston Consulting („390.000 neue Jobs“) oder von Roland Berger („670.000 neue Jobs“), denen Studien gegenüberstehen, die genau das Gegenteil behaupten. Etwa die Arbeiten von Frey und Osborne, die für den US-amerikanischen Arbeitsmarkt 47% – also praktisch jeden zweiten Arbeitsplatz – als gefährdet ansehen. Alle diese Studien finden Eingang in die Tagespresse, und werden dort oft völlig unkritisch zitiert.

Das hat uns bewogen, sich mal die Methoden etwas genauer anzusehen. Da gibt es zunächst ganz prinzipielle Einwände, die natürlich für alle datenbasierten Zukunftsprognosen gelten: Gerade wenn wir es mit disruptiven Veränderungen zu tun haben, hilft uns die Analyse vergangener Daten nicht, zukünftige Entwicklungen abzuschätzen. Ein anderes generelles Problem ist, dass alle momentan kursierenden Studien unterstellen, dass das vermeintlich technisch Machbare auch passieren wird. Dabei lehrt uns die Geschichte der Automatisierung, dass solche Entscheidungen in Unternehmen nie nach rein technischen Machbarkeitskriterien gefällt werden, sondern vielmehr nach ökonomischen und wettbewerbsrelevanten Kriterien. 

Neben diesen grundsätzlichen Einwänden ärgert mich persönlich aber auch, dass alle Studien mit Blick auf Arbeitsmarkteffekte auf einer unhinterfragten – und selbst wissenschaftlich nicht belegten – Annahme basieren: dort wird immer zwischen Routine- und Nicht-Routinetätigkeiten unterschieden. Und Routinearbeit steht immer im Verdacht, leicht automatisierbar zu sein. Diese Studien klären meist weder theoretisch noch empirisch Klärung, was sie unter Routinearbeit genau verstehen. Gerade für Einschätzungen zu Industrie 4.0 ist das fatal. Denn die Arbeitsmarktforschung ist sich einig, dass Arbeit an Maschinen Routinearbeit ist. Der Statistiker zählt, wie viele Menschen an Maschinen arbeiten, rechnet hoch, wie viele Arbeitsplätze weg-automatisiert (oder weg-algorithmisiert) werden können, und voila: fertig ist die Statistik.

Das entbehrt jedoch jeder wissenschaftlichen Grundlage: Was Routinearbeit ist, ist zunächst eine reine Zuschreibung ohne seriöse Basis. Und dass Maschinenarbeit immer auf Routinearbeit hinausläuft, ist die nächste – ebenso wenig fundierte – Unterstellung.

Und was setzt Ihre Studie dem entgegen?

Erstens basiert unsere Studie auf Forschungsergebnissen der letzten 20 Jahre, in denen der Unterschied zwischen Routine und Erfahrung empirisch und theoretisch geklärt wird. So hat beispielsweise das Team um Fritz Böhle am ISF München gezeigt: Erfahrung ist etwas anderes als Routine. Erfahrung ist eine dynamische und vielschichtige Fähigkeit, die uns in die Lage versetzt, „aus dem Bauch“ heraus auch dann richtig zu handeln, wenn wir nicht alle dafür nötigen Informationen haben. Diese Seite des Arbeitsvermögens umfasst auch informelles Wissen, Körperwissen und einen ganzheitlichen Gebrauch aller Sinne. Gerade wenn es im Arbeitsprozess zu Unvorhergesehenem kommt, wenn mit Wandel und mit Komplexität umgegangen werden muss – dann ist eben ein erfahrener Beschäftigter handlungsfähig, er improvisiert nötigenfalls auf Basis aller bisher gemachten Erfahrungen. Wir wissen aus über 20 Jahren Forschung: diese Form des Handelns und Wissens findet sich an allen Arbeitsplätzen und sie ist umso nötiger, je komplexer und technisierter die Umgebung ist. Vor Jahren haben wir deshalb ein Buch über Arbeit in der hochautomatisierten Prozesschemie mit dem Begriff des „Hightech-Gespürs“ betitelt.

Anders als die anderen Studien, wissen wir also zum einen, was Routine von Erfahrung unterscheidet, und wir wissen zum anderen, dass Erfahrung gerade bei hoch automatisierter Maschinenarbeit eine besonders hohe Bedeutung hat. 

-Welche Unterschiede gibt es noch?

Anne Suphan und ich haben uns vor diesem Hintergrund die deutschen Beschäftigtendaten angesehen. Die BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung wird in Deutschland regelmäßig erhoben, sie ist repräsentativ und umfasste bei der letzten Erhebung über 20.000 Befragte. Wir haben aus all diesen Daten die Fragen zusammengesucht, die das am ehesten abbilden, für das Erfahrung (und eben nicht Routine) gebraucht wird: das waren insgesamt 18 Fragen, die – vereinfacht gesagt – in einer Formel fassen, wie stark jemand in seiner Arbeit mit Unwägbarkeiten, mit Komplexität und Wandel umgehen muss. Daraus haben wir einen Index errechnet und können nun für einzelne Berufe oder Branchen sagen, wie stark der Anteil von Nicht-Routine ist. 

 Damit erhält man nun einen ganz anderen Blick auf Arbeit – gerade auch auf die Arbeit an Maschinen: über alle Branchen und Qualifikationsniveaus hinweg lässt sich sagen, dass 71% aller Beschäftigten in Deutschland heute schon in hohem Umfang mit Unwägbarkeiten, Komplexität und Wandel umgehen. Das ist eine unschätzbare Ressource, die ergänzt wird durch den guten formalen Ausbildungsstand in Deutschland: hier haben 67% aller Beschäftigten mindestens eine duale Berufsausbildung – das gibt es praktisch nirgendwo sonst auf der Welt.

Unter dem Strich wird deutlich: die Einschätzung, was automatisierbar ist und was nicht, ist gar nicht so einfach. Und gerade im Maschinenbau – der Ausrüsterbranche für Industrie 4.0 - ist dieser von uns berechnete Index noch höher: hier arbeiten 81% der Beschäftigten in Verhältnissen, die man keinesfalls als Routinetätigkeit übersetzen kann. Und wenn man sich das nach Berufsgruppen sortiert anschaut, die für Industrie 4.0 wichtig sind, wird der Unterschied noch deutlicher: an der Spitze des Rankings finden sich die IT-Kernberufe und der Werkzeug-/Industriemechaniker – diese beiden Berufe erreichen übrigens höhere Werte als die Berufsgruppe „Geschäftsführer, Unternehmensberatung, Wirtschaftsberatung“.

Und welche Schlüsse ziehen Sie daraus?

Anstatt zu prognostizieren, was Industrie 4.0 morgen bringen könnte, sollten Unternehmen ihre eigenen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen heute einbeziehen um mit ihnen Industrie 4.0 zu gestalten. Schließlich kann man Industrie 4.0 nicht von der Stange kaufen. Jedes Unternehmen muss das für sich ausbuchstabieren und entwickeln. Unsere Botschaft ist eindeutig: der Mensch kann Industrie 4.0 - man muss ihn nur einbeziehen und machen lassen. Wo immer das geschieht, können Unternehmen Industrie 4.0-Lösungen entwickeln, mit denen sie nachhaltig ihren Wettbewerbsvorteil sichern, weil diese nicht so leicht kopierbar sind. Und geschieht das in partizipativen Prozessen, wird dabei Produktionsarbeit attraktiver und die Beschäftigten lernen einen Teil der neuen Anforderungen durch Industrie 4.0 schon im Doing.



Foto: Andreas AMaNN

Foto: Andreas AMaNN

Über Prof. Dr. Sabine Pfeiffer

Frau Prof. Dr. Sabine Pfeiffer beschäftigt sich mit dem Zusammenspiel von Mensch, Technik und Organisation. Für sie ist Arbeit ein zentraler Teilhabe- und Vergemeinschaftungsmodus der Gesellschaft.  Die Arbeits- und Industriesoziologin  forscht, lehrt und publiziert unter verschiedenen Perspektiven dieses Aspektes als Professorin für Soziologie an der Universität Hohenheim und am ISF München.

http://www.sabine-pfeiffer.de