Vom "Dritten Ort" zum "Place of Me" - Gestaltung moderner Arbeits- und Freizeitwelten

von Diana Kaufmann, dan pearlman

Dritte Orte heute – eine Bestandsaufnahme

Was sind Dritte Orte heute? Gibt es überhaupt noch Raum für einen gebauten Dritten Ort? Klassische Dritte Orte wie Cafés, Salons oder Theater waren einst der Mittelpunkt unseres Lebens. Neben Zuhause und Arbeitsplatz gingen wir dort unseren Freizeitvorlieben nach, trafen Freunde und bauten an unserem sozialen Netzwerk. Soziale Netzwerke heißen heute nicht mehr "Sportverein" oder "Uschis Bierquelle", sondern Facebook, Twitter oder Instagram. Wenn digitale, soziale Netzwerke unsere Gesellschaftsorte aber qualitativ und quantitativ überlagern oder sogar ablösen, was passiert denn dann mit dem gebauten Raum? Haben Architekten Antworten darauf, was die Gestaltung heute zu Dritten Orten beizutragen hat, wenn wir daran gewöhnt sind, dass Statisches als langweilig empfunden wird, weil es ständig irgendwo blinkt, appt, morpht und switcht?

Viele beklagen sie, die auf der Suche nach dem Maximalerlebnis-Moment mit Nachhall-Wirkung auf Facebook verloren gegangene Romantik des Einfachen – des einfachen Im-Kaffee-Rührens, des des einfachen Treffens-am-verabredeten-Ort, des einfachen, weil "authentischen" Erlebnisses. Wäre das aber so einfach und richtig, hätten wir sie dann – die Shoppingcenter, Entertainmentpaläste und multifunktionalen Digitalgadgets? Gestehen wir es uns doch ein: Wir alle sind wertvolle Mitglieder einer unersättlichen Erlebnisgesellschaft, die das Glück eines Erlebnis-Moments in der perfekten Inszenierung ihrer digitalen, technischen und sozialen Welten sucht. Unser "Streben nach Erleben" prägt die Erwartungshaltung, mit der wir "unsere Wahl" für Lebens, Arbeits- und Freizeitwelten heute treffen.

Architekten müssen dieses Spannungsfeld aus Erwartungen und Befriedigung von Erwartungen durchdringen und unseren Erlebnishunger einerseits und die andererseits damit einhergehende Erlebnisübersättigung wohldosiert ausbalancieren. Dazu braucht es eine geistige und emotionale Haltung, die Gestaltung nicht als Selbstzweck versteht, sondern die Bedürfnisse der Menschen in das Zentrum der Gestaltung für Erste, Zweite und Dritte Orte stellt.

Erlebnisarchitektur: Der Zoo als Dritter Ort

Authentische Alaska-Abenteuer in der Großstadt? Kein Problem für gute Gestalter. Nehmen wir zum Beispiel einen klassischen Freizeitort wie einen Zoo. Früher: Kinderaugen starren in Affenaugen – dazwischen Gitterstäbe. Heute: geht in so einen Zoo niemand mehr. Damit Kinderaugen leuchten und Große wieder klein werden, taucht man ein – in Erlebniswelten. Man wandert von Afrika nach Alaska in fünf Minuten. Man verdrückt "Bison Burger" im Angesicht echter Bisons, während Eisbären über den Köpfen der Besucher nach Fischen tauchen. Zoos bieten heute Unterhaltung, Gastronomie, Shopping und Bildungsmöglichkeiten, sie kümmern sich um Artenschutz und sind eine moderne Arche Noah.

Ein Zoo ist heute also immer noch ein klassischer Freizeitort, aufgrund seiner Multifunktionalität für unterschiedlichste Aufgaben und Bedürfnisse gehört er aber zu den komplexesten architektonischen Gebilden, die Gestalter heute planen und bauen können. Nähert man sich dieser Komplexität nur über zwei ausgewählte Facetten, wird dies auch für Nicht-Architekten deutlich.

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"Edutainment" ist das Stichwort, wenn es heute darum geht, Besucher unterhaltsam und spielerisch über die Lebensräume und Lebensweisen der Zootiere zu informieren. Edutainment setzt sich zusammen aus Education und Entertainment und beschreibt in seiner Kombination die didaktisch fundierte und gleichsam clevere Vermittlung von komplexem Wissen auf spielerisch-unterhaltsame Weise. Das Ergebnis: Wissen prägt sich nachhaltig ein, denn es wird an erlebte Emotionen geknüpft. Ein Beispiel: Während früher ein "Vom Aussterben bedroht" Warnzeichen uns darauf aufmerksam machte, dass der putzige Orang Utan vor uns einer der letzten seiner Art ist, werden diese Informationen heute so aufbereitet, dass sie nicht nur Betroffenheit auslösen, sondern zeigen, wie man helfen kann. Zoos stellen ihre Artenschutzprojekte in Afrika oder Asien vor und motivieren in direktem Kontext mit der gezeigten Tierart mit positiven Anreizen zum Mithelfen. Der psychologische Schlüssel zum Herzen der Zoobesucher folgt dem Grundsatz: "Nur was du liebst, kannst du schützen".

Wenn digitale, soziale Nerzwerke unsere Gesellschaftsorte qualitativ und quantitativ oder sogar ablösen, was passiert denn dann mit dem gebauten Raum?

Nicht zuletzt deshalb gibt es in einem modernen Zoo schon lange keine Gitter und Zäune mehr. Unsere Wertschätzung für unseren Planeten und seine Flora und Fauna hat zu neuen architektonischen Konzepten für die Präsentation von Tieren in einem Zoo geführt. Besucher wollen keine Tiere hinter Gittern mehr sehen. Sie wollen die Tiere authentisch erleben. Dazu gehört nicht nur, dass die natürlichen Lebensräume der Tiere nachgestaltet werden, sondern auch alles, was die Gestalter unter "Environmental Enrichment" verstehen. Für Zootiere schafft man künstlich Habitate, die nicht nur wie die reale Natur aussehen, sondern auch funktionieren. In "Yukon Bay" im Zoo Hannover etwa leben Eisbären und Seelöwen in echtem Salzwasser und tummeln sich in der durch eine Wellenmaschine erzeugten Brandung. Um den Eisbären das natürliche Jagen nach Fischen zu ermöglichen, füllen Zoopfleger eine Boje mit Fischen, die die Eisbären in ihren Jagdinstinkten trainiert. Die natürlichen Sinne der Tiere werden auch dadurch angeregt, dass Fressfeinde wie Wölfe und Karibus nebeneinander und für Besucher scheinbar sogar im gleichen Gehege gehalten werden. Mehr Platz, Schutz und Rückzugsräume für die Tiere und eine vielfältige Vegetation inklusive. Dass in so einem Zoo auch nachhaltig gedacht und gehandelt wird, ist natürlich selbstverständlich.

"Environmental Enrichment" gibt es also in Yukon Bay, aber nicht nur für Tiere, sondern auch für den Besucher. Schon der Eingang zur Erlebniswelt ist wie der Tunnel einer Goldmine gestaltet – inklusive modrigen Geruchs, tropfender Steine, kühler Dunkelheit und dem fernen Klopfen der Minenarbeiter. Eine alle Sinne ansprechende Erlebniserfahrung wird dabei zusätzlich mit einer bis in Details ausgearbeiteten Geschichte bereichert, die die Besucher auf den Spuren der Goldgräber durch Yukon Bay reisen lässt.

Markenarchitektur: Arbeiten und Abschalten am gleichen Ort.

Was für Freizeitwelten heute gilt, trifft im gleichen Maße wohl für Arbeitswelten zu. Ein Beispiel: Das Headquarter von MTV-Networks in Berlin. Bei der Umgestaltung des Arealswar "Environmental Enrichment" ebenfalls das Schlüsselwort. Auch hier ging es den Gestaltern um das Glänzen in den Augen. Ihre Zielgruppe: die Mitarbeiter. Ihre Vision: arbeiten und abschalten am selben Ort. Ein lang gehegter Wunsch der Belegschaft wurde Wirklichkeit, als sich der vormals triste Büroblock an der Spree endlich zu einem angemessenen Headquarter wandelte. Im einst grauen und ungenutzten Atrium des Gebäudes finden sich heute multifunktionale Empfangs, Meeting und Pausenbereiche, die die viel zu engen Teeküchen oder Büroecken endlich abgelöst haben.

Das große Atrium oder »Brand Garden«, bietet den Mitarbeitern Sitzplätze für Pausen oder Besprechungssituationen. Unter einem stilisierten Blätterdach trifft man sich gerne zu effizienten Brainstorming-Meetings. Für die Entspannung nach den Meetings findet man nicht nur Ruhe auf den überdimensionierten "Filz-Steinen" im Brand Garden. Ob beim Lunch in der "Network-Kitchen", beim Telefonieren in der "Blue-Lounge" oder beim Tischtennis und Kickern in der "Sport-Lounge" – für Phasen der Entschleunigung ist immer ausreichend gesorgt. Arbeiten wirkt so fast wie Freizeit, oder sollen wir es Work-Life-Balance am Arbeitsplatz nennen?

Die schöne neue Arbeitswelt ist dabei nicht nur ein Geschenk des Unternehmens an seine Mitarbeiter. Wertschätzung motiviert, motivierte Arbeitnehmer arbeiten effizienter, sind loyaler, weniger krank und bleiben auch mal eine Stunde länger. Gerade in kreativen Berufen ist ein zeitgemäßes kreatives Arbeitsumfeld essentiell, damit sich Kreativität zu voller Blüte entfalten kann.

BIlder: MTV Headquarters Berlin, Ken Schluchtmann, www.diephotodesigner.de

BIlder: MTV Headquarters Berlin, Ken Schluchtmann, www.diephotodesigner.de

Multifunktionalität von Orten: die neuen "Places of Me"

Yukon Bay im Zoo Hannover und das MTV- Headquarter an der Spree sind gute Beispiele für die neue Multifunktionalität von Orten, die eine klassische Abgrenzung von einem Ersten, Zweiten oder Dritten Ort kaum mehr erlaubt. Letzten Endes interessiert uns ein Ort heute nicht mehr als eine gebaute, räumliche Definition, sondern an einem Ort interessiert uns, inwieweit er unsere Bedürfnisse in ihrer ganzen Vielfalt optimal befriedigt und uns gleichzeitig Erlebnismaximierung in qualitativer und quantitativer Hinsicht bietet. Es sind diese emotionalen Orte, nennen wir sie die "Places of Me", die einen klassischen Ersten, Zweiten oder Dritten Ort mit einer individuellen Multifunktionalität bereichern können. Solche Orte schaffen wir uns, um uns ein bisschen wie zuhause, ein bisschen wie in der Freizeit oder auch ein bisschen wie an einem mobilen Arbeitsplatz zu fühlen. Der Zeitgeist unserer Bedürfnisse und Wünsche schafft die Infrastruktur, die auch ein Arbeiten im Café erlaubt, die uns am Arbeitsplatz gönnt, mal wir selbst zu sein, und die uns unser Zuhause bereitwillig mit Fremden teilen lässt, die wir auf unserer Couch "surfen" (schlafen) lassen.

Auch wenn wir Dritte Orte zunehmend als multifunktionale "Places of Me" verstehen wollen, gilt umso mehr der tradierte Grundsatz: Ihre Gestaltung ist kein Selbstzweck. Für jeden "Place" braucht es danach auch ein "Place Branding", denn jeder Ort braucht eine Identität. Auch Orte müssen sich – ähnlich wie Marken – hinsichtlich ihrer Identität, ihrer Haltung in Bezug auf Mitbewerber und ihrer Relevanz für die gewünschte Zielgruppe von anderen unterscheiden. Nur so werden sie von der erlebnishungrigen Menschheit wahrgenommen. Ist der Dreiklang aus Identität, Differenzierung und Relevanz im Gleichgewicht, entsteht ein Ort mit Unterscheidungskraft.

Versteht man das gestalterische “Place Branding” als Idititätsbildung für Orte,sind es vor allm die Menschen, die darüber entscheiden, welches das “richtige” Konzept für ein Unternehms-Headquarter oder einen ganzen Zoo ist.

Versteht man das gestalterische „Place Branding“ als Identitätsbildung für Orte, sind es vor allem die Menschen, die darüber entscheiden, welches das "richtige" Konzept für ein Unternehmens-Headquarter oder einen ganzen Zoo ist. Ihre Bedürfnisse und Wünsche stehen für die Gestalter im Mittelpunkt. Mit "Consumer Insights", also Zielgruppenbefragungen, lässt sich herausfiltern, was Menschen wirklich wollen und was sie auch emotional nachhaltig begeistert. Abgeleitet davon entsteht eine Geschichte, die von der ersten Idee über das strategische Konzept bis hin zur Umsetzung in der Architektur für einen emotionalen, transparenten und verständlichen Rahmen und letzten Endes auch für einen eben solchen gebauten Raum sorgt. Bei MTV wird die Geschichte des "Brand  Garden" erzählt, in dem das neue sprießende Grün symbolisch für neue kreative Ideen steht. Im Zoo Hannover ist es die Geschichte der Goldgräber, die sich nach Kanada und Alaska aufmachten, welche auch heute noch für Gänsehaut und Abenteuerlust sorgt.

Gestaltung als Erfolgsfaktor – der "perfekte" Dritte Ort

So leicht es auch scheint: für Gestalter ist es manchmal alles andere als einfach, den perfekten (Dritten) Ort zu schaffen: Bei MTV trafen die Architekten mit dem angesprochenen Atrium zunächst sogar auf einen Nicht-Ort, der graue, ungenutzte Innenraum fristete leblos sein Dasein und wurde von allen Mitarbeitern gemieden. Hier war bislang jedes ambitionierte Raumkonzept gescheitert und auch bei MTV glaubte wohl niemand so richtig daran, eine Kehrtwende mit einem neuen Konzept zu schaffen. Beim Zoo Hannover war es nicht anders, der erste Gang über das Areal war alles andere als ermutigend. Veraltete Anlagen, Tiere hinter Gittern, lustlose Besucher, kaum finanzielle Mittel – ein echter "Turnaround" schien fast unmöglich.

Für Gestalter geht es letzten Endes darum, mit einer guten Gestaltung ein strategisches und räumliches "Setting" zu schaffen, welches wie ein "Enabler" oder ein "Katalysator" unserer Bedürfnisse und Wünsche wirkt, ein Ort, der unseren Erlebnishunger auf emotional ausbalancierte Weise befriedigt, ein Ort, der unserem Streben nach Erleben gerecht wird und ein Ort, der Bedürfnisse und Erwartungen zu einem komplexen, emotionalen Raumgefüge verbindet.

Unserem "Streben nach Erleben" scheint an diesen Orten wirklich keine Grenzen gesetzt. Von Entertainment bis Entschleunigung dürfen wir unsere sprunghaften Wünsche zwischen erregender Spannung und meditativer Entspannung jederzeit ausleben – und das gleichzeitig und am selben Ort. Der moderne Dritte Ort ist sowohl ein Anti-Langeweile als auch ein Anti-Überlastungsort. Er ist ein Ort, an dem wir wir selbst sein können, egal, wie wir uns fühlen. Ein Ich-Ort eben.


Über die Autorin Diana Kaufmann

Diana Kaufmann setzte auf das Handwerkszeug einer Wirtschaftsjuristin mit zwei Staatsexamen und einemMaster International Business Law und machte ihre Leidenschaft für die Kreativwirtschaft zu ihrer Berufung. Mit Create Berlin baute sie ab 2006 das interdisziplinäre Netzwerk der Berliner Kreativ-wirtschaft aus Agenturen, Institutionen und Designern als Geschäfts-führerin auf. 2009 wechselte sie auf die Seite der Wirtschaft und betreut seither die Bereiche Marketing, Kommunikation und Recht bei der strategischen Kreativagentur dan pearlman in Berlin.