Die guten Banker. Über die Arbeitskultur in den (Investment-)Banken // von Martin Ciesielski (Teil 3)

Zum zweiten Teil des Text geht es hier.

Der Banker in uns

Im Kern geht es bei den Banken- und Finanzkrisen um Fragen der Verantwortungsübernahme, wie es auch Claudia Honegger et al. in „Strukturierte Verantwortungslosigkeit“ beschrieben haben. Hier muss sich jede und jeder auch außerhalb der Bankenwelt fragen lassen, wann er oder sie das letzte Mal dem Chef, der Kollegin oder dem Kunden gegenüber Verantwortung übernommen hat. Etwas angesprochen hat, was nicht in Ordnung war. Wie offen gehen wir mit eigenen Fehlern um? Wie weit geht man bei Konflikten mit Kollegen - auf die Gefahr hin, es sich mit den lieben Kollegen zu verscherzen? Wer von uns ist bereit, in letzter Konsequenz seinen eigenen Arbeitsplatz auf´s Spiel zu setzen – für moralische Fragen? Als Whistleblower einzustehen?

Von außen betrachtet, lässt sich schnell und leicht mit Gier argumentieren, mit Lobbyinteressen und der Macht der Banken.  In einem Arbeitsumfeld zu arbeiten, in dem „They don´t give a fuck, who you are“ gilt, bedeutet es mit Menschen voller unerfüllter Sehnsüchte und Wünschen nach Anerkennung zu tun zu haben. Bringen gelungene Deals am Ende wirklich die Form der Anerkennung, die die Mitarbeiter zu zufriedenen und glücklichen Menschen machen?

Es ist anzunehmen, dass die von Luyendijk beschriebenen Mechanismen genauso auch in den Organisationen gelten, die direkt oder indirekt mit den Banken zu tun haben: den Rating-Agenturen und den Big Four der Wirtschaftsprüfungen. Von wem sollte nun also diese Arbeitskultur konstruktiv und mit nachhaltiger Veränderungswirkung infrage gestellt werden? Von wo könnte die menschliche, allzu menschliche Befriedigung der Sehnsüchte nach Selbstwert und Anerkennung kommen, wenn am Ende stets allein und überall die Zahlen zählen?

Quelle:Pixabay

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Eine Frage der Arbeitskultur

Die Bankenwelt ist womöglich weder unmoralisch, noch amoralisch. Es herrscht eine utilitaristische Geld-Ethik vor, deren Werte und Wertkategorien das Zusammenleben und –arbeiten in den Bankenkulturen prägt. Es ist diese Kultur, die sich verändern muss. Erst wenn sich diese Kultur ändert, wird sich auch die Art und Weise ändern, wie über Geldgeschäfte nachgedacht wird. Joris Luyendijk hat mit seinem Buch einen großartigen Beitrag dazu geleistet, die Kultur und die sozialen Dynamiken in den Banken besser zu verstehen. Am Ende bleibt allerdings die Frage, wie viel Zeit wir für einen Kulturwandel in diesen Organisationen noch haben (unabhängig von der Frage von wo und wie dieser angestoßen werden könnte) – und ob dieser Wandel nicht auch für andere Branchen notwendig wäre. Die Bankenwelt erscheint wie ein Brennglas unseres heutigen Wirtschaftssystems und seiner Arbeitskulturen. Auch Banker sind keine schlechten Menschen. „Es sind Menschen, die nicht mehr in Begriffen wie „gut“ und „böse“ denken. Professionals.“

Reicht die Zeit für einen Kulturwandel?

Branchen- und Arbeitskulturen verändern sich, wie auch Gesellschaftskulturen, eher in Zeiträumen von Jahrzehnten und Jahrhunderten. Wenn überhaupt. Währenddessen wird in den Banken weiterhin mit IT-Systemen operiert, die unter Lichtgeschwindgkeitskategorien laufen oder aber „mit IT-Systemen, die so erbärmlich sind, dass viele Leser staunen würden, wie es um die IT bei vielen Banken tatsächlich bestellt ist.“ Erschaffen und programmiert von Physikern, Mathematikern und Data Scientists. Berufsgruppen, die dem „klassischen Banker“ zunehmend den Rang ablaufen und bereits heute ihren Beitrag zur Komplexität und Unberechenbarkeit in der Finanzwelt leisten. Einst waren auch sie mit dem Ziel angetreten, die Bankenwelt sicherer, ertragreicher und berechenbarer zu machen. Schließlich handelt es sich auch bei ihnen um Professionals –  mit Doktortiteln in naturwissenschaftlichen Disziplinen. Doch am Ende scheint es völlig egal, welche Disziplinen in den Banken das Sagen haben: „[…] wenn man den Blick hinter diese Fassade auf falsche Anreize, die Silostruktur und das Klima der Angst, die fehlende Loyalität als Folge des fehlenden Kündigungsschutzes und die schiere Größe der Banken lenkt, auf den maroden Zustand und die Komplexität der Systeme, sieht man keine straff geführte, hierarchisch organisierte Pyramide mit dem Oberkommando an der Spitze, sondern man blickt auf ein Inselreich im Nebel, das von Söldnern bevölkert wird.“ Die Söldner sitzen bereits in ihren Boten. Die Frage ist nur, ob Sie auf die Insel zu steuern oder sie verlassen.