More than shelters // Daniel Kerber im Interview mit Jan Bathel

Ausgehend von der Fragestellung, wie sicheres, hygienisches Wohnen auch in Krisensituationen gewährleistet werden kann, gründet Daniel Kerber im Februar 2012 die morethanshelters GmbH. Im August wird adaptiv dazu der Verein gegründet, der künftig gemeinnützige Projekte rund um die Produkte der GmbH finanzieren und eine allumfassende Nachhaltigkeit und Tiefenwirkung garantieren soll. Das interdisziplinäre Team ist seitdem von drei auf zehn angewachsen und internationale Kontakte wurden geknüpft. Das erste in der Entwicklung befindliche Produkt ist eine mobile Notunterkunft, die nicht nur schnell und einfach aufzubauen ist, sondern auch sicheres und menschenwürdiges Wohnen ermöglicht. Zur Umsetzung dieses Ziels hat sich morethanshelters dem Prinzip des human-centered design verschrieben.
Durch die Kombination von Produkt und Prozess wird die Bevölkerung vor Ort in den gestalterischen Prozess mit eingebunden. Die betroffenen Menschen sind Experten ihrer eigenen Lebenssituation, und diese individuellen Bedürfnisse und Wünsche sowie das Wissen um die lokalen Gegebenheiten und Ressourcen dürfen nicht unbeachtet bleiben. Dafür werden interaktive Konzepte entwickelt, um gemeinsam mit NGOs, Institutionen und mit den zukünftigen Bewohnern im Zielland das Produkt an die jeweils unterschiedlichen Situationen bestmöglich anzupassen.
Ein weiteres Prinzip von morethanshelters ist, dass die Produkte nach dem Cradle-to-Cradle Konzept gestaltet werden, was eine Upcyclingmöglichkeit der Materialien voraussetzt. Aktuell arbeitet das Projekt an der Weiterentwicklung des Prototypen. Im letzten Quartal dieses Jahres ist mit Partnern aus Südafrika ein Pilotprojekt mit partizipativer Einbindung aller Beteiligten geplant. Gerade gewonnen hat das Team den Preis für Nachhaltige Produktentwicklung der Stadt Hamburg und die Auszeichnung als innovatives Projekt 2013 vom Nachhaltigkeitsrat der Bundesregierung. 

Lieber Daniel, danke, dass du Zeit für dieses virtuelle Gespräch hast. Du in Afrika, ich in Berlin. Ein googledoc. Fangen wir an?

Fangen wir an.

Welche Begriffe von Stadt und überraschenden Nachbarschaften führst du im Sinn, wenn du auf Deine künstlerische und dokumentarische Arbeit zurückschaust? 

Mich hat immer interessiert, inwieweit Stadtraum, und sei er noch so organisiert, informell wächst und sich verändert. Wie Lebensräume sich überschneiden. Wie sich der Stadtraum in unseren mentalen Raum eingräbt, und wir aus unserer psychischen Konstitution heraus in ihm unsere Spuren hinterlassen. Sobald alle diese ökonomischen, politischen, planerischen, gestalterischen und sozialen Spannungsfelder zusammenkommen, entstehen Überlappungen und Vielschichtigkeit.Oftmals auch Konfrontation, im besten Fall Dialog. Das habe ich versucht, künstlerisch zu untersuchen: Wo sind die Schnittstellen, wo die Brüche, wo verlaufen die oftmals unsichtbaren Demarkationslinien im Stadtraum? Der Stadtraum, wenn man ihn so betrachtet, bekommt etwas Bewegliches, eine zähflüssige Masse, in die alle versuchen, ihre Interessen einzuschreiben. Dann entstehen natürlich immer auch skurrile Nachbarschaften und auch tragische, wie die der Obdachlosen in Einkaufszonen.

Welche Bedeutung bekommen darin die Rituale der Menschen in ihren Gemeinschaften? 

Rituale scheinen ja ein identitätsstiftendes Moment zu haben. Wenn man Rituale ausführt, fühlt man sich zugehörig. Das gibt Sicherheit und Geborgenheit. Ein Latte Macchiato im Prenzlauer Berg oder hier in Kapstadt ein Sundowner. Rituale sind aber wohl immer von einer doppelten »Wirkrichtung« aus zu lesen. Einschließend und ausgrenzend. Und manchmal treffen sie sich an der Grenze zweier Lebenswelten. Zum Beispiel passt hier gerade ein Mensch auf meinen Mietwagen auf. In ganz Kapstadt haben sich meist farbige Menschen den Parkraum aufgeteilt und »beschützen« die Fahrzeuge der Parkenden. Das Ritual in dieser informellen ökonomischen Nische besteht darin, dass ich, ohne Verhandlung und Absprache, diesem Menschen eine Gebühr in Form einer Münze zahle. Im Ritual der Übergabe treffen sich für eine Sekunde unsere Hände. Unsere sozial zugewiesenen Rollen im Ritual erzeugen aber parallel eine unüberwindbare Distanz. Es begegnen sich also zwei Menschen, die im selben Stadtraum unterwegs sind sekundenbruchteilhaft, um dann sofort wieder in ihre gewohnte Stadtraumnutzung zurückzufallen. Ich fahre, er läuft. In zwei sich überschneidenden Wirklichkeiten von Stadt, die sich aber nicht berühren.

Wenn man deine Arbeit genauer beobachtet und dir zuhört, dann spricht mal der Künstler, mal der Weltenbummler, mal der Designer, und mal der Architekt in dir. Wenn du als Initiator von morethanshelters aus diesen Sichtweisen beschreiben solltest, was morethanshelters ist, was sagen dann die Experten in dir? 

Ich glaube immer noch, dass morethanshelters ein künstlerisches Projekt ist. Und eine Reise, eine ziemlich komplexe Aufgabe auch, es ist eine Designpraxis und eine Business Vision, eine ziemlich clevere Idee und eine Art von Aktion, die einfach Sinn macht, eine Möglichkeit Wirksamkeit zu erzeugen und natürlich handfeste architektonische Planung – und gleichzeitig auch keines davon. Was auch immer es ist, oder wie auch immer ich mich darin bezeichne, ist vielleicht gar nicht sehr wichtig dabei. Wichtig bleibt aber, dass sich die Experten in mir dabei lebhaft austauschen und sich mit vielen anderen Experten in der Welt dabei unterhalten.

Laut den United Nations High Commissioner for Refugees befinden sich jährlich zwischen 30 und 40 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Das bedeutet, dass jede Minute acht Menschen vor bedrohlichen Konflikten oder Verfolgung fliehen. Oft landen sie dann in Auffanglagern, oder es bilden sich Spontansiedlungen. Der Architekt nennt das dann: informelle Siedlung. Gibt es dir bekannte, gelungene Interventionen, die die Logik dieser Orte durchbrochen haben? 

Es gibt drei Wege, die Menschen auf der Flucht einschlagen, ziemlich genau zu jeweils einem Drittel. Der erste und beste führt zu Verwandten und Freunden, der zweite in Flüchtlingslager und der dritte in die rasant wachsenden Slums der Megastädte weltweit. Flüchtlingslager sind zuerst einmal keine informelle Siedlungen, sondern sehr geplante und formalstrategisch aufgesetzte, räumliche Konstellationen. Wenn man den von dir verwendeten Begriff Intervention als einen Eingriff einer »dritten Partei« in die räumliche Struktur eines ihr fremden Ortes begreift, dann kann man ein Flüchtlingslager so begreifen. Die strukturelle Ordnung dieser Lager verselbstständigt sich mit der Zeit. Die Menschen fangen an, ihren »Lebensraum « mit den wenigen verfügbaren Mitteln selbst zu gestalten. Das sind informelle Gestaltungsprozesse, die wir auch aus urbanen Zusammenhängen kennen, wie Slums, Favelas oder Townships, das nennt man dann informellen Siedlung. Im Februar war ich im Libanon, wo es palästinensische Flüchtlingscamps gibt, die seit mehr als 60 Jahren existieren. Aus den Zelten, die dort zu Anfang eingesetzt wurden, sind mittlerweile mehrstöckige Häuser aus Beton geworden, alles selbst gebaut. De facto handelt es sich um urbane Strukturen, offiziell wird im politischen Sprachgebrauch immer noch von Lagern gesprochen. Das heißt, die Lebenswirklichkeit in Fluchtsituationen durchbricht immer wieder die planerisch entwickelte Logik solcher Lager. Diese Dynamik sehen wir in vielen Weltregionen und unter verschiedensten Bedingungen. Dem Menschen die Möglichkeit zu geben, selbst gestalterisch tätig zu werden, wird mittlerweile sogar als eine Bedingung der Menschenwürde in solchen Situationen gewertet. Das wissen wir als Künstler / Architekten / Designer schon eine Weile, aber das kommt jetzt auch bei den beteiligten Organisationen an, die solche Lager planen und umsetzen und dann oft jahrelang betreuen. Da entsteht gerade ein sehr fruchtbarer Dialog.

Wenn morethanshelters mehr als eine Intervention ist, was fehlt? 

In meinem Verständnis tatsächlich der Dialog. morethanshelters ist ein Mediator zwischen den verschiedensten Realitäten. Denen der Flüchtlinge und informell Siedelnden auf der einen Seite, und denen der Organisationen, die sich um diese Menschen kümmern, auf der anderen. Tatsächlich handelt es sich ja um noch sehr viel komplexere Situationen. Da gibt es neben der humanitären und ethisch getriebenen Handlung ja auch massive politische und ökonomische Interessen. Mindestens genauso komplex wie in jedem anderen besiedelten Raum auch. Hinzu kommen wirkmächtige kulturelle und soziologische Missverständnisse, und alles ist eingebunden in eine sehr komplizierte Logistik. In solchen Situationen braucht es keine Interventionen, sondern partizipative Prozesse. Der fehlt allerdings noch häufig. Doch das ist der Grund, warum wir das more im Namen tragen. Es geht eben nicht nur um die Umsetzung eines Designentwurfs zum Thema Shelter, sondern es braucht ein tiefes Verständnis der tatsächlichen Situation vor Ort, auch um die gestalterisch sinnvollste Lösung zu finden.

Wenn einen (mit Derrida) etwas Heim-gesucht hat, dann verliert man mit dem Heim als Spiegel für die eigenen Gemeinschaften und deren Kulturen einen Fluchtpunkt, der die biografischen Notizen einzufangen wusste. Wie will morethanshelters gerade diesen Ort, der allen Flüchtigen gewaltsam abhanden gekommen ist, wieder herstellen? 

Zuerst einmal überlebt der Mensch als Kreatur recht schlecht im Freien. Unsere Lebensspanne verkürzt sich dramatisch, wenn wir keinen Schutzraum haben und auf der Straße landen. Das ist Teil unserer Lebensrealität, wir brauchen alle ein Dach über dem Kopf seit der Höhlenzeit. Da sind wir also alle gleich. Und wir alle sind eben auch verschieden. Wir leben ja nicht nur in verschiedenen klimatischen Bedingungen, wir haben ganz unterschiedliche Gewohnheiten, unsere Familien sind verschieden groß, unsere Wohnräume sind verschieden angeordnet und organisiert, wir gehören unterschiedlichen Religionen an. Das ist Teil unserer Kultur, unserer Soziologie, unserer Identität und unserer Würde. Derrida spricht genau dies an. Indem wir uns einen Ort schaffen, der unsere Kultur und unsere ganz persönliche Geschichte abbildet, entsteht eben mehr als nur ein Schutzraum, es entsteht ein Zuhause oder Heim. Das ist unser Anker in den Läufen dieser Welt. Tür zu, jetzt bin ich bei mir. Und was passiert mit allen Menschen auf der Flucht? Sie landen weltweit im gleichen standardisierten Zelt, in Reih und Glied! One Size fits all? Keine kulturelle Vielfalt, kaum klimatischer Schutz, keine Unterscheidung, keine Würde. Kein Heim.

Dass es Missstände in solchen Situationen gibt, erschließt sich mir. Was kann man konkret tun, um das zu verbessern? 

Wir müssen konkret versuchen, auf mehreren Ebenen das Thema Zuhause oder Heim in Notsituationen zu bearbeiten. Zuerst: Der Schutz muss so gut wie möglich sein. Das heißt, handfeste architektonische Anpassung an das vorhandene Klima und die Geografie. Dann ist Überleben möglich. Als nächstes müssen wir versuchen, diese Architektur wieder zugänglich für kulturelle und soziologische Besonderheiten zu machen. Die Menschen müssen sich in diesen Räumen wiederfinden können. Die Raumbedürfnisse müssen sich in variablen Grundrissen und Gebäudeformen formulieren lassen. Die Shelter müssen sich den Menschen anpassen, je nach Familiengröße, Religion, Demografie und Gemeinschaft. Vor allem müssen wir den Menschen die Möglichkeit geben, sich selbst zu ermächtigen diese Strukturen zu gestalten. Dann entsteht aus einem Überlebensraum ein Lebensraum. Sogar ein Gestaltungsraum, denn die Shelter öffnen sich der Umnutzung, dem Weiterbau und der Potentialentfaltung.

Und das kann gelingen? 

Das gelingt, wenn wir das Beste aus nachhaltigem Design, modularer Architektur, aktueller Entwicklungszusammenarbeit und dem Wissen um lokale Bauweisen unvoreingenommen zusammenführen. Wenn es gelingt, unsere Gestaltungskompetenz im Dialog mit dem Gestaltungswillen der Menschen auf Augenhöhe in die konkrete Umsetzung zu bringen. Deswegen bin ich gerade hier in Namibia und später in Südafrika, um mit unseren Partnern konkrete Pilotprojekte für 2013 zu planen. In Berlin würde man diese als innovative Kreativworkshops deklarieren können. Hier heißt das schlicht und einfach, sich mit allen zusammenzutun, um bessere Zukünfte zu bauen.


Weitere Informationen auf der Webseite www.morethanshelters.org


Daniel Kerber

Daniel Kerber arbeitet seit mehr als 15 Jahren an der Schnittstelle zwischen Architektur, Design und Kunst. In weitreichender Forschung hat er sich seit mehr als einem Jahrzehnt mit der sogenannten informellen Architektur in Krisenregionen beschäftigt. Anfang 2012 gründete er den gemeinnützigen Verein morethanshelters, um Konzepte von menschenwürdigem Wohnen zu realisieren. Als Geschäftsführer von morethanshelters vereint er die Ergebnisse dieser Forschung mit seinen Kompetenzen in Leichtbau und Projektmanagement.

www.morethanshelters.org